
BerlinFür Angela Merkel ist es ein Routine-Auftritt. Dass sie nach der parlamentarischen Sommerpause der Hauptstadtpresse Rede und Antwort steht, ist ein Ritual, dass sich regelmäßig wiederholt. Nur die Umstände sind jedes Mal andere. Dieses Mal betritt die Kanzlerin die bis auf den letzten Platz gefüllte Bundespressekonferenz mit einer Menge noch unbewältigter Probleme im Rücken. Auf ihrer Kanzlerschaft lasten nicht nur die vielen innenpolitischen Streits oder ein nie enden wollender Hickhack mit dem Koalitionspartner. Es ist vor allem die Euro-Schuldenkrise, die sie und die EU-Partner in Atem hält und deren Bewältigung nur im Schneckentempo vorankommt.
Merkel ist der Megastress der vergangenen Wochen nicht anzusehen. In einem cremefarbenen Sakko betritt sie die Journalisten-Arena, lächelnd und offenkundig gut gelaunt. Brav stellt sie sich den Fotografen in der ihr üblichen Pose – die Hände auf Bauchhöhe, in Form eines Dreiecks zugespitzt gehalten. Blicke nach links, Blicke nach rechts, dann nimmt sie in der Mitte des Podiums Platz. Schnörkellos, ohne große Umschweife ergreift die Kanzlerin das Wort und schlägt einen Bogen von den Unruhen in der arabischen Welt hin zum Euro. Bestens gebrieft zeigt sie in ihrem Eingangsstatement die Marschroute für die Euro-Retter in den kommenden Wochen auf.
Für die Euro-Agenda der Kanzlerin interessiert sich zunächst kein Journalist. Der am Wochenende offen zutage getretene Zwist zwischen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Bundesbankpräsident Jens Weidmann erscheint wichtiger. Also dreht sich die erste Frage ausschließlich um dieses Thema. Merkel verzieht keine Miene, als der Konflikt kurz skizziert wird und sie dann eine klare Positionierung dazu geben soll. Auch der Kanzlerin dürfte die Tragweite des Konflikts wohl bewusst sein. Denn schon bisher schien Weidmann weitgehend isoliert. Aber von der Bundesregierung erhielt der Bundesbankpräsident Rückendeckung.
Seit gestern fehlt dieser Rückhalt jedoch. Mit Schäuble hat erstmals ein Regierungsmitglied Weidmann öffentlich kritisiert. Mit Blick auf die Kritik Weidmanns am jüngsten Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB), unbegrenzt Staatsanleihen überschuldeter Euro-Staaten aufzukaufen, sagte Finanzminister Wolfgang Schäuble: „Ich bin mir nicht sicher, ob es zur Stärkung des Vertrauens in die Notenbank beiträgt, wenn diese Debatte halböffentlich geführt wird“.
Die EZB hatte im Mai 2010 nach einem Wochenende hektischer Rettungsaktionen der Euro-Staaten für Griechenland spontan ein Anleihekaufprogramm beschlossen. Die Konditionen des „Securities Market Programme (SMP)“ blieben weitgehend im Dunkeln. Die EZB gab lediglich im Nachhinein wöchentlich bekannt, welche Summen an Staatspapieren aus dem Markt genommen wurden, ohne dabei die Länder zu nennen. Zu beobachten war im Handel aber, dass die Zentralbank zunächst Griechenland und dann Irland und Portugal stützte, die unter den Rettungsschirm EFSF geschlüpft waren. Im Sommer 2011 folgten Spanien und Italien. Das Interventionsvolumen von SMP beläuft sich auf 209 Milliarden Euro.
So wie unter dem alten Programm nennt die EZB unter dem neuen Plan namens OMT („Outright Monetary Transactions“) vorab keine Summe über mögliche Anleihekäufe. Mit dem Verzicht auf ein Limit signalisiert die Zentralbank, dass sie einen langen Atem hat. Die Notenbank will sich bei den Laufzeiten der betroffenen Staatspapiere auf eine Spanne von einem Jahr bis drei Jahren beschränken. Begründet wird das mit dem Ziel des Programms: Der EZB geht es nicht darum, die Anleihezinsen zu drücken, um den Regierungen die Staatsfinanzierung zu verbilligen.
Sie begründet ihr Eingreifen damit, dass die hohen Zinsen auf Staatspapiere indirekt die Kreditzinsen für die Verbraucher nach oben treiben. Der rekordtiefe Leitzins der Notenbank von 0,75 Prozent komme bei den Bankkunden nicht an. Die Übertragung der auf stabile Preise zielenden Geldpolitik sei damit gestört. Als Zeitraum für das Durchwirken der Leitzinsen auf die Marktzinsen veranschlagt die Zentralbank etwa drei Jahre.
Als Lehre aus der Hilfsaktion für Italien will die EZB in Zukunft nur den Ländern unter die Arme greifen, die den Rettungsfonds EFSF und seinen Nachfolger ESM um Hilfe bitten. Es kann sich dabei um ein umfangreiches Hilfsprogramm zu Staatsfinanzierung handeln oder um vorbeugende Kreditlinien bei ersten Finanzierungsengpässen. Die Regierungen müssen sich als Gegenleistung zu einem strikten Spar- und Reformprogramm verpflichten. Im vergangenen Jahr hatte die italienische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Reformbemühungen gedrosselt, als die Zinsen dank EZB-Anleihekäufen sanken. Die EZB wird künftig im Nachhinein bekanntgeben, von welchen Ländern sie Staatsanleihen gekauft hat.
Bisher genoss die EZB einen bevorzugten Gläubigerstatus. Damit würde die Notenbank bei einem Ausfall von Anleihen entschädigt, während viele Privatanleger Verluste hinnehmen müssen. Das wirkt abschreckend auf private Anleihekäufer und erschwert die angestrebte Entspannung bei den Zinsen. Die EZB will deshalb künftig auf das Privileg verzichten. Sie muss deshalb so wie die beteiligten nationalen Notenbanken im Pleitefall Verluste hinnehmen.
Wie bisher will die EZB verhindern, dass durch den Aufkauf von Staatsanleihen die Geldmenge wächst, weil den bisherigen Besitzern der Anleihen frisches Geld zufließt. Die Notenbank erreicht das, indem sie die Anleihekäufe neutralisiert. Über ihre Geldmarktgeschäfte entzieht die EZB den Banken das Geld, das sie zuvor für Staatsanleihen neu geschaffen hat.
Merkel lässt sich in der Bundespresskonferenz zu keiner klaren Parteinahme hinreißen. Mit wachsweichen Formulierungen zieht sie sich aus der Affäre: Die EZB sei unabhängig, und das gelte auch für Weidmann, sagt sie. Daher werde sie dessen Bemerkungen nicht kommentieren. „Jens Weidmann ist davon umgetrieben, dass wir die Schuldenkrise wirklich nachhaltig lösen“, sagt sie weiter. Da sehe er wie sie selbst im Wesentlichen die Politik am Zuge. Und dass sich der Bundesbank-Präsident einmische, sei doch ganz selbstverständlich und immer willkommen. Wer würde ihr da widersprechen wollen.
„Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle glauben an die Bundesbank“, hat der Ex-Präsident der Europäischen Kommission, Jacques Delors, einst gestöhnt. Jetzt soll ausgerechnet der Chef der Bundesbank, Jens Weidmann, mit seinem Rücktritt gedroht haben, weil er den Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB) in der Euro-Krise für grundfalsch hält. Am Donnerstag tagt der EZB-Rat. Wo verlaufen die Fronten? Kommt es zum Showdown zwischen Weidmann und EZB-Präsident Mario Drahgi? Einige Antworten auf zentrale Fragen:
Der EZB-Chef wirbt für den unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen kriselnder Euro-Staaten, um deren Zinslast zu drücken. Die von einer Pleite bedrohten Länder sollen nach seinen Vorstellungen im Gegenzug einen Antrag auf Hilfen aus dem Euro-Rettungsschirm ESM stellen und Reformauflagen erfüllen. Beim ESM hätte Deutschland ein Mitsprache- und Vetorecht. Die Umsetzung der Vorgaben von EZB und EU - soweit sie bisher bekannt wurden - soll unter anderem vom Internationalen Währungsfonds (IWF) überprüft werden. Offenbar steht die große Mehrheit des EZB-Rats hinter diesem Konzept.
Der Bundesbankchef lehnt einen Anleihenkauf von Krisenländern als Schritt zur „Staatsfinanzierung durch die Notenpresse“ ab. Eine Finanzierung durch die Notenbank könne traditionell hoch verschuldete Länder „süchtig machen wie eine Droge“. Weidmann, dessen Bundesbank zur Geldwertstabilität und damit zu Inflationsbekämpfung verpflichtet ist, befürchtet, dass mit dem Draghi-Modell die Schulden der hoch defizitären Südstaaten letztlich beim Steuerzahler landen. Als größtes Euro-Land steht Deutschland mit knapp 27 Prozent für die Schulden der EZB gerade.
Auf die offenbar gezielt gestreuten Gerüchte über Rücktrittsgedanken des Notenbankchefs ließ die Kanzlerin am Freitag zunächst wissen, dass sie „natürlich Jens Weidmann als unserem Bundesbanker den Rücken stärkt“. In manchen Ohren klang das eher wie eine Pflichtübung, zumal sie genau das schon vor einer Woche im ARD-Sommerinterview erklärt hatte. Am Samstag meldete dann die „Bild“-Zeitung, Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) hätten Weidmann persönlich von einem möglichen Rücktritt abgebracht und ihn ermutigt, seine Position weiter zu vertreten.
Das ist schwer zu sagen. Die eine Lesart ist, die Kanzlerin habe zwar ebenfalls Bedenken gegen den Ankauf der Staatsanleihen von Krisenländern, sehe sich nicht mehr in der Lage, die Phalanx der Unterstützer des Draghi-Modells zu stoppen. Die andere Lesart lautet, Merkel stehe hinter den Plänen Draghis, könne aber nicht offen dafür eintreten, weil sie unter den Euro-Skeptikern von Union und FDP als „rechtswidrige Schuldenvergemeinschaftung zu Lasten Deutschlands“ angesehen werden.
Der Bundesbankchef hat eine von 23 Stimmen. Damit hat Deutschland als größte Volkswirtschaft in der EU in dem Gremium genauso viel Einfluss wie zum Beispiel Malta. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle hat deshalb bereits gefordert, das Stimmgewicht Deutschland mittelfristig zu stärken. Kurzfristig jedoch wird sich daran nichts ändern. Da sich inzwischen sogar das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen hinter den Kurs von Draghi gestellt hat, steht Weidmann ziemlich allein da.

Novaris
Zustimmung.
Die Beendigung der Eurokrise wird wohl eine Währungsreform sein, denn anders kommen wir aus den Schulden nicht raus. Denn auch Deutschland ist verschuldet bis über die Halskrause
Dank der Ost-Merkel verlieren wir also alles, was unsre Eltern nach dem Krieg aufgebaut und erschaffen haben
Die Pläne für eine Währungsreform liegen sicherlich schon in der Schublade

scharfe_Kurve_nach_rechts
genau das befürchte ich auch
Ich habe das auch schon ehrfach hier gesagt
Auch damals war es die Politik, die völlig falsch reagiert hat

black
ich glaube, Sie ahben leider Recht.
Dieses Gefühl beschleicht mich ebenfalls.
52 Kommentare
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