Merkel vor der Hauptstadtpresse
Die Sowohl-als-auch-Kanzlerin

Schäubles Rüffel für den Bundesbankpräsidenten verhallt fast ungehört. Merkel vermeidet es, vor versammelter Hauptstadtpresse ihren Minister zu zügeln. Was sagt das über den Euro-Krisenkurs der Kanzlerin?
  • 52

BerlinFür Angela Merkel ist es ein Routine-Auftritt. Dass sie nach der parlamentarischen Sommerpause der Hauptstadtpresse Rede und Antwort steht, ist ein Ritual, dass sich regelmäßig wiederholt. Nur die Umstände sind jedes Mal andere. Dieses Mal betritt die Kanzlerin die bis auf den letzten Platz gefüllte Bundespressekonferenz mit einer Menge noch unbewältigter Probleme im Rücken. Auf ihrer Kanzlerschaft lasten nicht nur die vielen innenpolitischen Streits oder ein nie enden wollender Hickhack mit dem Koalitionspartner. Es ist vor allem die Euro-Schuldenkrise, die sie und die EU-Partner in Atem hält und deren Bewältigung nur im Schneckentempo vorankommt.

Merkel ist der Megastress der vergangenen Wochen nicht anzusehen. In einem cremefarbenen Sakko betritt sie die Journalisten-Arena, lächelnd und offenkundig gut gelaunt. Brav stellt sie sich den Fotografen in der ihr üblichen Pose – die Hände auf Bauchhöhe, in Form eines Dreiecks zugespitzt gehalten. Blicke nach links, Blicke nach rechts, dann nimmt sie in der Mitte des Podiums Platz. Schnörkellos, ohne große Umschweife ergreift die Kanzlerin das Wort und schlägt einen Bogen von den Unruhen in der arabischen Welt hin  zum Euro. Bestens gebrieft zeigt sie in ihrem Eingangsstatement die Marschroute für die Euro-Retter in den kommenden Wochen auf.

Für die Euro-Agenda der Kanzlerin interessiert sich zunächst kein Journalist. Der am Wochenende offen zutage getretene Zwist zwischen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Bundesbankpräsident Jens Weidmann erscheint wichtiger. Also dreht sich die erste Frage ausschließlich um dieses Thema. Merkel verzieht keine Miene, als der Konflikt kurz skizziert wird und sie dann eine klare Positionierung dazu geben soll. Auch der Kanzlerin dürfte die Tragweite des Konflikts wohl bewusst sein. Denn schon bisher schien Weidmann weitgehend isoliert. Aber von der Bundesregierung erhielt der Bundesbankpräsident Rückendeckung.

Seit gestern fehlt dieser Rückhalt jedoch. Mit Schäuble hat erstmals ein Regierungsmitglied Weidmann öffentlich kritisiert. Mit Blick auf die Kritik Weidmanns am jüngsten Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB), unbegrenzt Staatsanleihen überschuldeter Euro-Staaten aufzukaufen, sagte Finanzminister Wolfgang Schäuble: „Ich bin mir nicht sicher, ob es zur Stärkung des Vertrauens in die Notenbank beiträgt, wenn diese Debatte halböffentlich geführt wird“.

Merkel lässt sich in der Bundespresskonferenz zu keiner klaren Parteinahme hinreißen. Mit wachsweichen Formulierungen zieht sie sich aus der Affäre:  Die EZB sei unabhängig, und das gelte auch für Weidmann, sagt sie. Daher werde sie dessen Bemerkungen nicht kommentieren. „Jens Weidmann ist davon umgetrieben, dass wir die Schuldenkrise wirklich nachhaltig lösen“, sagt sie weiter. Da sehe er wie sie selbst im Wesentlichen die Politik am Zuge. Und dass sich der Bundesbank-Präsident einmische, sei doch ganz selbstverständlich und immer willkommen. Wer würde ihr da widersprechen wollen.

Kommentare zu " Merkel vor der Hauptstadtpresse: Die Sowohl-als-auch-Kanzlerin"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Novaris
    Zustimmung.
    Die Beendigung der Eurokrise wird wohl eine Währungsreform sein, denn anders kommen wir aus den Schulden nicht raus. Denn auch Deutschland ist verschuldet bis über die Halskrause
    Dank der Ost-Merkel verlieren wir also alles, was unsre Eltern nach dem Krieg aufgebaut und erschaffen haben
    Die Pläne für eine Währungsreform liegen sicherlich schon in der Schublade

  • scharfe_Kurve_nach_rechts
    genau das befürchte ich auch
    Ich habe das auch schon ehrfach hier gesagt
    Auch damals war es die Politik, die völlig falsch reagiert hat

  • black
    ich glaube, Sie ahben leider Recht.
    Dieses Gefühl beschleicht mich ebenfalls.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%