Merkels Klima-Kampagne
Ein Stück weit heuchlerisch

Die Kanzlerin setzt sich mit markigen Worten an die Spitze der Klimabewegung. Doch gleichzeitig schont sie die Autoindustrie und lässt Kohle verfeuern. Ihr Beitrag gegen den Klimawandel ist zu klein. Ein Kommentar.
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Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die richtigen Worte gefunden: Es ist in der Tat – und zurückhaltend ausgedrückt – bedauerlich, dass US-Präsident Donald Trump entschieden hat, sich aus dem Pariser Klimaabkommen zurückzuziehen. Das Abkommen, über Jahre mühevoll verhandelt, ist nicht irgendein Vertrag, sondern ein Pakt zwischen 195 Ländern und der Europäischen Union, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen und sogar Anstrengungen zu unternehmen, unter 1,5 Grad zu bleiben. Das würde die schlimmsten Folgen der Erderwärmung verhindern.

Wenn man so will, ist es ein Pakt um vielerlei Leben und Tod.

Da ist es ist geradezu wunderbar, dass sich die Bundesregierung über Trumps Vorgehen so empört. „Wir brauchen dieses Pariser Abkommen, um unsere Schöpfung zu bewahren“, sagte die CDU-Politikerin und Kanzlerin am Freitagmorgen. Das Pariser Abkommen sei für die Zukunft dieses Planeten von ganz, ganz großer Bedeutung, sekundierte schon vor Tagen Kanzleramtschef Peter Altmaier (ebenfalls CDU).

Nur, diese Empörung ist ein Stück weit heuchlerisch. Denn in Deutschland ist das Vorgehen gegen den Klimawandel allenfalls als halbherzig zu bezeichnen. Ja, es stimmt, der Ausbau der Erneuerbaren Energien hat deutlich zugenommen, aber beim Abbau der Emissionen kommt Deutschland dennoch nicht voran. Die eigenen Klimaziele werden gerissen, das Engagement der Umweltministerin wird zwischen den Interessen anderer Ressorts zerrieben. Geschont wird die Automobilindustrie, ebenso die Kohleindustrie.

Hat die deutsche Politik selbst noch nicht erkannt, welche wirtschaftlichen Chancen in einer Gesellschaft liegen, die klimafreundlich aufgestellt ist? Oder hat sie schlicht keine Ahnung davon, wie ambitionierter Klimaschutz in einem Industrieland funktionieren könnte? Sich auf mögliche Arbeitsplatzverluste in verschiedenen Branchen zu berufen, reicht nicht aus.

Es ist höchste Zeit, das Thema anzupacken – und für andere wirtschaftlichen Perspektiven zu sorgen. Der Wohlstand des Landes ist nicht durch Klimaschutz gefährdet – im Gegenteil. Er ist gefährdet, wenn nichts gegen den Klimawandel unternommen wird.

Wenn Trumps Ausstieg aus dem Abkommen etwas Gutes haben könnte, dann vielleicht dahingehend, dass der Rest der Welt aufgerüttelt wird und im Kampf gegen den Klimawandel entschiedener vorgeht. Auch Deutschland.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin

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  • Ergänzung : Hätte besser "in den nächsten Jahrzehnten" schreiben sollen.

  • Nachtrag zu einem meiner gestrigen Kommentare.

    Vor wenigen Jahren wurde der größte Abstand auf der Ellipsenbahn erreicht und seitdem verringert sich turnusmäßig wieder der Abstand zwischen Sonne und Erde. Es kann von Jahr zu Jahr somit immer heißer werden (je nach Sonnenaktivität).

    Und der „Fortschritt“ der Menschheit sorgt dafür, dass es möglichst noch heißer werden kann.

  • @ Herrn Axel Lehmann
    Natürlich können auch andere Einflüsse unser Klima bestimmen, so. z.B. die Stellung der Erdachse zur Sonne. Das kann durch Verlagerungen der Erdmasse im Kern geschehen. Änderungen der Erdrotationsachse beeinflussen – ebenso wie solche der Ekliptikschiefe oder Formänderungen (Exzentrizität) der Erdumlaufbahn um die Sonne – die von der Erde absorbierte Sonnenstrahlung und ihre geografische Verteilung. Damit sind Einflüsse auf den Verlauf der Jahreszeiten und auf das weltweite Klima möglich, was zur Auslösung oder Verstärkung von Warm- oder Eiszeiten beitragen kann.

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