Merkels Suche nach neuen Partnern
Der Brüderle-Kuss

Union und SPD sind unfreiwillig Legislaturperioden-Abschnittsgefährten, die schon jetzt für den Tag danach planen – mit neuen Partnern. Wie sich Angela Merkel dem Vizechef der FDP-Fraktion Rainzer Brüderle annähert.

BERLIN. Ach, was sind sie doch für gute Freunde, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und Rainer Brüderle. Der ist zwar Vizechef der FDP-Fraktion, aber ansonsten ohne wirklich machtvolles Amt. Begrüßungsherzlichkeiten, das strahlendste Strahlen der sonst oft mürrischen Regierungschefin, Smalltalk und Plauderei gehen weit über das hinaus, was zwischen Regierung und Opposition üblich ist und worin die sonst spröde Kanzlerin ihren persönlichen Charme investiert.

Natürlich geht es nicht um persönliche Freundschaften beim Brüderle-Kuss. Vorgeführt wird der immerwährende Balztanz um Macht, Annäherung und Distanz, um unausgesprochene Versprechungen und vage Optionen für eine bessere Zukunft.

Und dabei spielt Brüderle, zigfacher Ex-Minister für Wirtschaft bis Weinbau, eine tragende Rolle. Denn er hat diese Ämter im Kabinett von Kurt Beck ausgesessen. Und seit dieser vom rustikal-ländlichen Auch-dabei-Ministerpräsidenten zum SPD-Vorsitzenden hochpoppte, ist Brüderle der Mann, der den Morgen macht.

Kurt Beck hofiert ihn als lebenden Beweis dafür, dass Sozialdemokraten offen sind für politische Partnerschaften in alle Richtungen, selbst zu den bösen Neoliberalen.

Für FDP-Chef Guido Westerwelle transportiert er dieselbe Botschaft in die eigene Partei hinein und ist zudem die personifizierte Drohgebärde Richtung CDU: Seht her, wenn ihr weiterhin die FDP geringschätzig behandelt, mach ich euch den Brüderle.

Angela Merkel hat diese komplizierte Botschaft längst empfangen. In diesen Tagen kann sich jeder Liberale ihrer besonderen Aufmerksamkeit sicher sein. Merkel demonstriert damit, dass sie den Kontakt zur FDP nicht abreißen lassen will, mit der sie eigentlich gemeinsam das Bundeskanzleramt erobern wollte und die sie etwas vernachlässigt hat in all dem Anfangszauber.

Es ist ja nicht so, dass ein Wechsel der Regierungskoalition akut wäre. „Ertrinkende klammern sich aneinander“, nennt das einer aus dem CDU-Lager, der darüber verzweifelt, wie die ehernen Grundsätze der Partei beim Koalitionsschiff über Bord gehen. Und tatsächlich ist es ja in der Politik auch so, dass nicht die stürmischen Liebesehen, sondern die vernunftbasierten Paarungen am besten halten.

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