Merzsche Politikschelte
„Liebe Steuerflüchtlinge, ..."

Wie ist das mit den Propheten? Im eigenen Lande zählen sie nichts. Einer, der sich immer zu den Propheten rechnete, ist Friedrich Merz, derzeit einfach nur CDU-Abgeordneter und Anwalt. Beides wurde er, nachdem er im eigenen Lande feststellte, dass die Gabe des Vorhersehens ihre Schattenseiten hat, wenn man die Zukunft in schwarzen Farben malt. Also geht er nun in der Schweiz mit der deutschen Politik ins Gericht.

ZÜRICH. An diesem Dienstagabend ist Merz in den vornehmen Zürcher Efficienzy-Club gekommen, der sich im nicht minder vornehmen Hotel Widder trifft, unweit der überhaupt vornehmsten Einkaufsmeile der Stadt, der Bahnhofsstraße, wo sich problemlos Uhren zum Preis eines Mittelklassewagens erstehen lassen.

„Guten Abend, liebe Schweizer, guten Abend, liebe Steuerflüchtlinge“ wählt er als Begrüßung und erntet dröhnendes Lachen im gut besetzten Saal, in dem sich überwiegend dunkel gekleidete Herren eingefunden haben – unter ihnen Wirtschaftsgrößen wie etwa der Chef der Banca del Gottardo. Sie macht im Tessin nicht zuletzt deswegen gute Geschäfte, weil Prodi-geplagte Italiener einen sicheren Tresor für ihr Vermögen suchen. „Italien ist der Beweis für ein Leben nach dem Tod“, wird Merz später an diesem Abend wiederholen, was er einst schon in Deutschland zum Besten gegeben hat, und damit ein heftiges Zucken der Mundwinkel bei jenem Bankchef hervorrufen.

Bevor die Italiener an der Reihe sind, geht es Merz jedoch ums eigene Land. Er hat dabei für jedes Thema eine Merzsche Formel parat, die so griffig ist, dass die Eidgenossen, die sich manchmal gegenüber dem großen Nachbarn etwas klein geraten fühlen, vor Vergnügen juchzen und einer, der sich in Geschichte auskennt, nach diesem Abend zur zweiten Merz-Revolution aufrufen wird. Der Finanzplatz Deutschland beispielsweise hat, so die Merzsche Interpretation, die Konsolidierung weitgehend verschlafen. „Wir haben in Deutschland mehr Bankfilialen als Bäckereien“, lautet die Formel dazu, die erklären soll, warum die deutschen Banker nicht so profitabel arbeiten wie die Kollegen in der Schweiz.

Steuern zahlen in Deutschland? Merz rät nicht direkt davon ab, aber er sagt: Die Schweiz müsse mit Blick auf ihr Bankgeheimnis, das ausländischen Finanzämtern den Einblick in Schweizer Konten verwehrt, nicht prüfen, ob sie etwas richtig mache. „Sondern Deutschland muss prüfen, ob es etwas falsch macht, wenn es sich dem Steuerwettbewerb entzieht.“

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