Meyer-Affäre überschattet Rüttgers Krönungsmesse
Basis im Zwiespalt

Für einen Augenblick verliert Laurenz Meyer seine Façon. Der 56-jährige CDU-Generalsekretär herrscht zwei lauernde Fotografen vor dem Podium an, sie sollten das soeben geschossene Bild sofort wieder löschen. Es bleibt vergeblich, das vieldeutige Motiv vom Parteitag der NRW-CDU am Samstag wird freigegeben.

HAMM. Darauf ist Meyer zu sehen, wie er sich mit dem Finger das linke Augenlid reibt, so als wische er eine Träne weg. Erschöpft wirkt er, fast resigniert, und solche Interpretationen sind das letzte, was Meyer zur Zeit gebrauchen kann.

Für ihn geht es darum, in der Alfred-Fischer-Halle in seinem Wahlkreis Hamm Haltung zu bewahren. Er lacht viel, flachst auf dem Podium mit den Kollegen, schüttelt zahllose Hände und fragt Bekannte, wie es denn so gehe. Dabei wollen die an jenem Tag viel lieber von ihm wissen, wie das denn nun war mit den Gehaltszahlungen des Energiekonzerns RWE, nachdem er im November 2000 das Amt des Generalsekretärs angetreten hatte. „Ich habe alles dazu erklärt“, sagt er, und da wirkt der ansonsten kumpelhafte Politiker fast ein wenig schroff.

Das Thema ist öffentlich tabu, und dennoch bestimmt es den Landesparteitag, mit dem CDU- Landeschef Jürgen Rüttgers ein offensives Signal für die Landtagswahl am 22. Mai 2005 geben will. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen wird eine geplante Krönungsmesse von einer Personalie belastet: Erst der gestürzte Vorsitzende der CDU- Sozialausschüsse, Hermann- Josef Arentz, der ein Gehalt von RWE wohl ohne entsprechende Gegenleistung bezog und auf dem Bundesparteitag in Düsseldorf abgestraft wurde.

Nun ist es Meyer, der vieles in den Schatten stellt: Dass Rüttgers mit mäßigen 93,5 Prozent zum Spitzenkandidaten gewählt wird oder dass Rüttgers sein politisches Schicksal mit dem Ausgang der Landtagswahl 2005 verknüpft, als er sagt: „Jetzt will ich es wissen: Jetzt oder nie.“

Während der Wahlen zur Reserveliste bewegen sich die Delegierten permanent zwischen Tischen und Wahlkabinen. Meyer wird von Kameras verfolgt. Weggefährten klopfen ihm auf die Schultern und sagen, Kritik an ihm oder Rücktrittsforderungen seien überzogen. Auch der CDU-Sozialexperte Karl-Josef Laumann, seit kurzem Schattenminister für Arbeit und Soziales im Kabinett Rüttgers, verteidigt, dass Meyer nach seinem Amtsantritt parallel noch fünf Monate ein Gehalt plus Tantiemen erhalten habe. Die Arbeitsübergabe für den Nachfolger zu organisieren, sei normal. „Ein Bauarbeiter kann ja auch nicht einfach abbrechen, bevor das Dach auf dem Haus ist“, sagte Laumann. Der Landtagsabgeordnete Theo Kruse aber beklagt, dass durch Meyers Verhalten „das Vertrauen der Menschen in die Politik weiter leidet“. Rüttgers dagegen bleibt neutral: „Er hat alles auf den Tisch gelegt.“

Einhellig moniert wird aber Meyers Krisenmanagement. Er hätte schon vergangene Woche alles offen legen müssen, als erste Details ans Tageslicht kamen, heißt es unisono. Die schnelle Rechnung, die für jene fünf Monate aufgemacht wird, lautet: Gehalt von VEW/RWE, Lohn von der CDU, Abgeordneten-Diät vom Düsseldorfer Landtag – eine Rechnung, die selbst die treueste Basis ins Grübeln kommen lässt.

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