Ohne die Zuwanderer würde die deutsche Wohnbevölkerung im Schnitt noch schneller altern, wie der gestern vom Statistischen Bundesamt vorgestellte Mikrozensus zeigt. Doch auch die Geburtenraten der Zuwanderer sinken.
BERLIN | DÜSSELDORF. Nun ist es amtlich: Deutschland ist ein Zuwanderungsland. 19 Prozent, fast ein Fünftel, der deutschen Wohnbevölkerung sind Ausländer oder haben einen Migrationshintergrund. Mit 15,3 Millionen ist die Zahl der zugewanderten deutschen Staatsbürger mehr als doppelt so hoch wie die Zahl der Bürger mit ausländischem Pass (7,3 Millionen), um die meist die Ausländerdebatten kreisen.
Ohne die Zuwanderer würde die deutsche Wohnbevölkerung im Schnitt noch schneller altern, wie der gestern vom Statistischen Bundesamt vorgestellte Mikrozensus zeigt. Denn, so der Leiter des Amtes, Johann Hahlen, die Bevölkerung schrumpft bislang ausschließlich bei Deutschen ohne Migrationshintergrund. Der Anteil der Einwanderer an der gesamten Wohnbevölkerung ist daher in den vergangenen Jahren gestiegen. Dies zeigt sich vor allem bei den jungen Menschen. Ein Viertel bis ein Drittel der in Deutschland lebenden unter 15-Jährigen sind Ausländer oder Migranten.
Diese positive Rolle der Zugewanderten für die deutsche Demographie wird aber nicht von Dauer sein. Denn insgesamt gleichen sich die Fertilitätsraten der in Deutschland lebenden Migranten der Geburtenunfreudigkeit der angestammten Bevölkerung an. Das sagte der Migrationsexperte des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI) Rainer Münz. Diesen Trend belegten Daten nicht nur für Deutschland, sondern auch für ganz Europa.
Überraschen müsse der Trend nicht. Schließlich hätten die Zuwanderer und ihre Nachkommen „dieselben Probleme wie deutsche Familien, beispielsweise die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Für die Migranten kommt ein weiteres Problem hinzu: Ihre Kinder gehören überproportional zu den schlecht Qualifizierten, deren Arbeitsmarktchancen besonders gering seien.
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Insgesamt gibt es immer weniger traditionelle Ehepaare mit Kindern. Seit 1996 sank die Zahl der Familien mit Kindern unter 18 um 528 000 auf 8,9 Millionen. Von den 12,6 Millionen Familien mit minder- oder volljährigen Kindern waren 2005 nur noch 73 Prozent Ehepaare (1996: 79 Prozent). Dagegen stieg der Anteil der Alleinerziehenden von 17 auf 21 Prozent, der der Lebensgemeinschaften ohne Trauschein von vier auf sechs Prozent.„Seit 1996 ist damit die Zahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften um 34 Prozent auf 2,4 Millionen gestiegen“, sagte Hahlen.
In den neuen Bundesländern, wo der Anteil der Ehepaare sogar von 72 auf 62 Prozent schrumpfte, hat sich zudem der Trend zur Ein-Kind-Familie verstärkt. Ihr Anteil an allen Familien mit Kindern nahm von 45 auf 52 Prozent zu. Dagegen blieb er in Westdeutschland mit 39 Prozent fast gleich (1996 waren es 38 Prozent).
Zwar stieg erstmals seit Jahren die Zahl der Familien in Westdeutschland leicht an, nämlich um ein Prozent gegenüber 2004. Als kinderlose Paare lebten aber 28 Prozent der Bevölkerung. Gut ein Drittel der Akademikerinnen aus den Geburtsjahrgängen 1951 bis 1962 bleibt nach den Erhebungen kinderlos. „Das halten wir für eine sehr belastbare Zahl“, sagte Hahlen. Andere Zahlen, in denen von 40 Prozent Kinderlosigkeit unter Universitäts-Absolventinnen die Rede ist, bezögen sich auf Frauen im Alter von 35 bis 39 Jahre. Nähere Informationen erhoffe sich das Statistische Bundesamt im Herbst von einer Befragung von 14 000 Frauen.
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Rund ein Fünftel der Bevölkerung oder 15,7 Millionen Menschen leben alleine, das sind elf Prozent mehr als 1996. Dieser starke Anstieg, so Thomas Bauer vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), hänge auch mit den Arbeitsmarktreformen zusammen. „Hartz IV hat ja geradezu eingeladen, eine eigene Bedarfsgemeinschaft zu gründen“, sagte er. Diesen Fehler im Gesetz hätten vor allem unverheiratete Paare und Jugendliche genutzt.
Seit 1991 schrumpfte der Anteil der Haushalte mit Kindern um sieben Prozentpunkte auf 31 Prozent. In über einem Fünftel der Haushalte leben kinderlose Paare. Der Anteil reiner Seniorenhaushalte ist mit 22 Prozent fast schon genauso groß wie der der Haushalte mit minderjährigen Kindern (23 Prozent). Eltern, Kinder und Großeltern lebten nur in knapp einem Prozent der Haushalte unter einem Dach.
Wie sich der langsame Abschied vom traditionellen Familienbild auf die Wirtschaft auswirken wird, sei unter Wissenschaftlern „eine völlig offene Frage“, so RWI-Ökonom Bauer. Er macht auch die „starke staatliche Sicherung“ dafür verantwortlich, dass sich die klassischen Familienverbünde immer mehr auflösten. Denn sie habe dazu geführt, dass Kinder für die Sicherung des eigenen Alters nicht mehr erforderlich seien.
„Das Problem wird dadurch verschärft, dass Deutschland in Hinblick auf Betreuungsmöglichkeiten eher einem Entwicklungsland als einem entwickelten Industrieland gleicht.“ Dieser Mangel, so Bauer, erschwere es, den Vorteil zu nutzen, den die Abkehr vom traditionellen Familienbild mit sich bringe: den steigenden Anteil berufstätiger Frauen.


