Mikrozensus
Akademikerinnen bleiben oft kinderlos

Der Anteil der Frauen in Deutschland, die kinderlos bleiben, hat in den vergangenen Jahrzehnten enorm zugenommen. Besonders verbreitet ist das Phänomen bei sehr gut ausgebildeten Frauen: In dieser Gruppe ist jede vierte Frau jenseits der 40 kinderlos. Diese Tendenz ist der Hauptgrund für die niedrige Geburtenrate – und nicht etwa eine sinkende Kinderzahl je Familie.

BERLIN. Die Frauen dagegen, die sich einmal für Kinder entschieden haben, bekommen auch heute noch fast ebenso viele Kinder wie ihre Mütter. Die Zahl der Kinder je Mutter ist nur leicht auf noch knapp zwei Kinder gesunken. Wer also die Geburtenrate steigern will, müsste vor allem Nicht-Eltern motivieren, die Familiengründung zu wagen.

„Bis vor kurzem hatten wir keine genaue Vorstellung von diesem Phänomen“, sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, bei der Vorstellung der Daten aus dem jüngsten Mikrozensus von 2008. Dabei wurden die Frauen erstmals nach der Zahl ihrer Kinder gefragt, nachdem der Bundestag dies gesetzlich ermöglicht hatte. Generell werden für den Mikrozensus jedes Jahr etwa 390 000 Haushalte befragt.

2007 gebar jede Frau in Deutschland im Schnitt noch 1,37 Kinder. Das ist einer der niedrigsten Werte in der Europäischen Union und weltweit. Für ideal halten Demographen eine Rate von rund zwei Kindern pro Frau – Frankreich hat das fast erreicht.

Der Bund hat zuletzt Kindergeld und -zuschlag erhöht und Milliarden für den Ausbau der Kinderbetreuung bereitgestellt. Das neue einkommensabhängige Elterngeld beträgt maximal 1800 Euro monatlich und soll auch Besserverdiener motivieren, eine Familiengründung zu wagen beziehungsweise weitere Kinder zu bekommen. Die Union will künftig vor allem das Kindergeld ab dem dritten Kind deutlich aufstocken.

Kinderlosigkeit war vor 25 Jahren noch ein Randphänomen, das nur gut zehn Prozent der Frauen betraf. Dann jedoch stieg der Anteil stetig an. Von den heute 45- bis 49-jährigen Frauen haben schon 17 Prozent keine Kinder mehr, von den 40- bis 44-Jährigen ist bereits mehr als jede fünfte kinderlos. Daran wird sich auch nicht mehr viel ändern, weil nur sehr wenige Frauen jenseits der 40 noch Nachwuchs bekommen. Bei jüngeren Frauen ist die Entwicklung unklar, da diese noch Kinder bekommen können. Besonders viele kinderlose Frauen leben in den Stadtstaaten – angeführt von Hamburg.

Betrachtet man hingegen nur die Jahrgänge 1949 bis 1968, hat sich nicht viel geändert: rund 30 Prozent der Mütter haben ein Kind, fast die Hälfte zwei und rund 20 Prozent haben sogar drei oder mehr Kinder.

Zumindest in Westdeutschland gilt: Je höher der Bildungsstand, desto eher bleibt eine Frau kinderlos (siehe „Karriere statt Kind“). So haben von den 40- bis 49-jährigen Akademikerinnen sogar 31 Prozent keinen Nachwuchs. Im Osten hingegen, wo es zu DDR-Zeiten flächendeckend Krippen gab und der Staat aktive Familienpolitik betrieb, sind es nur zwölf Prozent.

Nur sehr schlecht gebildete Frauen bekommen besonders viele Kinder. Fast 40 Prozent der Mütter, die maximal einen Realschulabschluss aber keine Berufsausbildung haben, haben drei oder mehr Kinder. Bei besser gebildeten Frauen ist dieser Anteil nur halb so groß. Auffällig ist, dass die Kinderzahl von Frauen mit mittlerem und hohem Bildungsstand fast keine Unterschiede aufweist: Die Akademikerinnen bekommen also fast ebenso häufig zwei oder drei und mehr Kinder wie Facharbeiterinnen.

Wesentlich mehr Kinder haben Migrantinnen, also Frauen, die im Ausland geboren wurden. Diese Frauen stellen immerhin 15 Prozent der weiblichen Bevölkerung in Deutschland. Von den 35- bis 44-jährigen Zuwanderinnen sind nur 13 Prozent kinderlos – bei den in Deutschland geborenen Frauen sind es 25 Prozent. Außerdem haben Migrantinnen häufiger drei oder mehr Kinder. Besonders kinderreich sind türkische Frauen.

Schließlich haben die Statistiker auch eine weitere Lebenserfahrung konkret erfasst: Die Zahl der unverheirateten Mütter nimmt zu. Von den heute 40- bis 49-jährigen Ledigen ist jede dritte Mutter. Bei den ledigen Frauen jenseits der 60 ist es nur jede vierte. Ob der Trend zur Kinderlosigkeit sich verfestigt oder sogar weiter zunimmt, werden die Deutschen erst 2013 erfahren. Denn erst 2012 findet der nächste Mikrozensus statt, der dieser Frage nachgeht.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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