Milch-Boykott
Erste Versorgungsengpässe drohen

Im eskalierenden Streit über die Milchpreise drohen schon am Dienstag oder Mittwoch dieser Woche die ersten Versorgungsengpässe. Derweil erwägt die Milchindustrie Klagen gegen die protestierenden Bauern und das Bundeskartellamt prüft, ob ihr Boykottaufruf rechtswidrig ist.

HB BERLIN. Unter Berufung auf die Geschäftsführung berichtete die "Bild"-Zeitung, dass etwa die Großmolkerei Ehrmann am Dienstag die Produktion einstellen müsste, falls die Blockaden der beiden Werke andauern. Wie das Blatt weiter berichtete, klagen erste Handelsketten bereits über Engpässe bei Milchprodukten.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) geht inzwischen davon aus, dass Molkereien und Einzelhandel unverzüglich mit Preis-Nachverhandlungen beginnen werden. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter sah nach den neuesten Aktionen eine "ungebrochene Entschlossenheit" der Milcherzeuger.

Der Milchindustrie-Verband wurde nachdrücklich aufgefordert, "endlich seine Verantwortung für die Milchbranche wahrzunehmen". Bei einem Treffen mit Milchbauern in Spiegelau in Bayern forderte CSU-Vorsitzender Erwin Huber die Verbraucher zu Solidarität mit den deutschen Bauern auf. "Auch Qualität hat ihren Preis, nehmt nicht jede Ramschware", sagte er.

"Jetzt muss einzeln verhandelt werden", sagte DBV-Sprecher Michael Lohse am Montagabend nach einem Gespräch der Bauernverbände mit dem Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) in Köln. "Die Situation ist klar. Die Molkereien müssen jetzt auf die einzelnen Handelsunternehmen zugehen."

Über das Spitzentreffen der Verbände in Köln wollte Lohse keine Einzelheiten bekanntgeben. "Das Gespräch war konstruktiv", sagte er.

Seit vergangenem Dienstag protestieren deutsche Bauern mit einem Lieferboykott gegen aus ihrer Sicht zu niedrige Milchpreise. Die Landwirte fordern bundesweit einen Literpreis von 43 Cent. Derzeit werden je nach Region zwischen 27 und 35 Cent gezahlt.

Der Kampf der Milchbauern für höhere Preise hatte sich zuvor weiter zugespitzt: Am Montag blockierten wütende Landwirte zahlreiche Großmolkereien und verhinderten so die Anlieferung der Rohmilch und die Auslieferung von Frischmilch, Käse und Quark.

Polizisten räumten Straßensperren. Eine blockierte Molkerei in Mecklenburg erstattete Anzeige gegen Milchbauern. Sie wirft den Bauern Nötigung und schwere Eingriffe in den Straßenverkehr vor, wie die Staatsanwaltschaft Schwerin bestätigte.

Ärger droht den Milchbauern auch vonseiten des Bundeskartellamts. Es prüft, ob der Boykottaufruf rechtswidrig ist. Nach Einschätzung des Milchindustrieverbandes (MIV) wurde weniger als die Hälfte der sonst üblichen Milchmenge geliefert.

Die Milchindustrie droht den protestierenden Bauern mit Klagen. "Die Boykotte sind illegal. Und Illegales muss man mit dem Gesetz bekämpfen", sagte Eberhard Hetzner, MIV-Hauptgeschäftsführer, der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung".

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) kündigte einen "Milchgipfel" an, sobald der Streit zwischen Milchbauern und Industrie beendet ist. Aus dem aktuellen Streit werde sich die Politik weiter raushalten.

Für die Schweizer Milchproduzenten hat sich ein Lieferboykott im Streit um höhere Preise ausgezahlt. Sie erhalten ab 1. Juli sechs Rappen (fast vier Cent) mehr pro Kilo Milch.

Auf diese Erhöhung haben sich Produzenten und Erzeuger am frühen Dienstagmorgen nach langen Verhandlungen geeinigt. Der vereinbarte Preis sei für sechs Monate festgelegt, teilten die Produzenten in der Nacht mit.

Bisher lag der Durchschnittspreis bei 70 Rappen pro Liter Milch. Die Produzenten hatten eine Erhöhung um zehn Rappen gefordert. An dem Milchboykott hatten sich am Montag etwa 10 000 der 27 000 Milchbauern in der Schweiz beteiligt.

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