Milchmarkt in Aufruhr
Kühe in Kurzarbeit

Europas Rinder geben zu viel Milch, weil Europas Politiker den Bauern zu lange den Markt vom Leib hielten. Das soll sich ändern. Doch das Subventionssystem schlägt zurück und staut wieder Milchseen auf.

RINTELN. Draußen strahlt die Sonne. 20 Grad, fast ein Sommertag. Drinnen ist es kalt und dunkel. Die Lampen geben nur dämmeriges Licht ab. Es gibt kein einziges Fenster, jede noch so kleine Türritze ist abgedichtet, damit sich kein Tageslicht einschleicht.

Kein Licht, zehn Grad Lufttemperatur und trocken: Das sind die idealen Bedingungen für das weiße Pulver, das hier lagert, damit es anderswo nicht stört.

Der weiße Stoff steckt in braunen Papier-Säcken zu je 25 Kilogramm. Die Säcke liegen auf Holzpaletten und türmen sich bis unter die Decke. 160000 Stück. Zwischen den Türmen führen enge Gänge hindurch, die die fußballfeldgroße Halle wie ein Gitternetz durchziehen.

An einer der Paletten ist ein Gerät befestigt. Es misst die Luftfeuchtigkeit. „Die darf 75 Prozent nicht überschreiten“, sagt Josef Herbers und inspiziert das Hygrometer. Bei 57 steht der Zeiger. Herbers nickt zufrieden. Er geht durch die Gänge, schaut nach rechts und links, überprüft die Beschriftung der Säcke. Nickt noch einmal kräftig.

Seine Kollegen haben ihre Arbeit gut gemacht. Exakt so, wie es die Verordnung der Europäischen Gemeinschaft mit der Nummer 1234/2007 vorschreibt. Sie regelt die Organisation des EU-Agrarmarkts.

Herbers tritt nach draußen in die Sonne. „Ja, das ist ein optimales Lager.“ So muss es sein. Alles in Ordnung.

Nichts ist in Ordnung. Hier in der Halle in Rinteln an der Weser lagern die Folgen einer verfehlten Agrarpolitik. 4000 Tonnen Magermilchpulver – hergestellt aus der Milch, die Bauern und Molkereien im Moment lieber zu garantierten Preisen an die EU verkaufen, als sie für weniger Geld auf dem Markt zu verkaufen.

Es gibt zu viel Milch, also sind die Preise im Keller. Also kauft der Staat die Überschüsse auf. Wieder einmal.

„Interventionsware“ heißen die Molkereiprodukte im Staatsbesitz im Behördensprech. Neben Milchpulver gehört auch Butter dazu. Josef Herbers ist der Verwalter dieser Ware.

Herbers, 51 Jahre alt, norddeutscher Einschlag in der Stimme, arbeitet bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, einer Behörde des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Die BLE springt ein, wenn der Markt für Milch oder Butter weniger zahlt, als die EU garantiert. Dann kauft sie im Auftrag des Staats die Überschüsse auf, Herbers lagert einige davon in Rinteln ein und bringt ein paar weitere Hygrometer an.

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