Milliardenrisiko

Wenn Zinswetten zum Sprengstoff werden

Dem Steuerzahler droht ein Desaster: Nicht nur die Deutsche Bank hat Städte und Kommunalunternehmen zu hochriskanten Zinsgeschäften verführt. Es geht um zweistellige Milliardenbeträge.
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Am 22. März verurteilte der Bundesgerichtshof die Deutsche Bank wegen umstrittener Zinswetten - nun wird der Bundestag wegen der Geschäfte aktiv. Quelle: Reuters

Am 22. März verurteilte der Bundesgerichtshof die Deutsche Bank wegen umstrittener Zinswetten - nun wird der Bundestag wegen der Geschäfte aktiv.

(Foto: Reuters)

DüsseldorfWegen umstrittener Zinsgeschäfte deutscher Banken mit den Kommunen droht dem Steuerzahler ein Milliardenrisiko. Die Finanzinstitute haben auf Drängen des Bundestags erstmals Zahlen zum Umfang ihrer Geschäfte mit den Städten vorgelegt, die nichts Gutes ahnen lassen: Laut einem Schreiben, das der Zentrale Kreditausschuss (ZKA), das Sprachrohr der deutschen Banken, Ende Juli an den Finanzausschuss des Bundestags gesandt hat und das dem Handelsblatt vorliegt, bestanden Ende 2010 Swapgeschäfte zwischen Banken und Kommunen mit einem Gesamtwert von 63,7 Milliarden Euro.

Aus den Angaben geht nicht hervor, wie hoch der aktuelle Marktwert und damit das tatsächliche Risiko der Geschäfte ist. Außerdem sind in der Summe auch gegenläufige Wetten enthalten, die sich aufheben können. Da ein großer Teil dieser Finanzwetten aber auch schief gehen kann, dürfte das Risiko, dass sich die deutschen Kommunen daraus weitere Verluste einhandeln, dennoch im zweistelligen Milliardenbereich liegen.

Die Zinsgeschäfte, um die es geht, waren bereits im Frühjahr Gegenstand einer Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof (BGH). Am 22. März wurde die Deutsche Bank in einem aufsehenerregenden Urteil dazu verpflichtet, Schadensersatz von 540.000 Euro an die Ille GmbH, einen kleinen Hersteller von Handtuchhaltern und Hygieneartikeln aus Hessen, zu zahlen. Die Bank habe bei dem Zinsgeschäft ("Spread-Ladder-Swap") die Gewinnformel so festgelegt, dass sie in jedem Fall ihre Gewinnmarge verdiente und das dem Kunden nicht gesagt. Damit habe sie ihre Beratungspflicht verletzt, urteilte der BGH.

Die Entscheidung sorgte für derartiges Aufsehen, dass sie eine Anhörung im Bundestag nach sich zog. Deutsche-Bank-Vorstand Jürgen Fitschen war persönlich gekommen, um den Abgeordneten seine Sicht auf die umstrittenen Zinswetten darzulegen. Der Finanzausschuss forderte die Banken auf, den Umfang ihrer Geschäfte mit den Kommunen zu beziffern. Die verheerende Antwort liegt nun vor.

Die 63,7 Milliarden Euro, die die Kommunen im Feuer haben, sind vereinbart in genau 1556 Rahmenverträgen von Banken mit Kommunen und 1104 weiteren Rahmenverträgen mit kommunalen Unternehmen oder Zweckverbänden. Jedes Mal geht es dabei um mehr und weniger riskante Zins-, Währungs- und Rohwarenswaps.

Die Milliardensumme löst unter Sachverständigen Besorgnis aus. Eine mit der Materie vertraute Person geht davon aus, dass es sich bei mindestens zwei Dritteln der Geschäfte um komplexe Zinswetten handelt, mit denen Kommunen wie Hagen oder Pforzheim bereits Millionen versenkt haben. Etwa die Hälfte dieser Zinsgeschäfte dürfte inzwischen große Verluste gemacht haben, meint der Ex-Banker. Damit ergäbe sich für die Kommunen ein Gesamtrisiko von rund 21 Milliarden Euro.

Selbst nach vorsichtigeren Schätzungen drohen dem Steuerzahler aus diesen Zinswetten Milliardenrisiken: In Sachsen sind rund 20 Prozent aller kommunalen Zinsgeschäfte als hochspekulativ und verlustträchtig einzuordnen, schätzt die Sachsen Asset Management (SAM), die im Freistaat öffentliche Kunden bei Finanzdienstleistungen berät. SAM hat Daten analysiert, die das sächsische Innenministerium erhoben hat. Wenn bundesweit ähnlich viele Zinsgeschäfte zu Verlusten führen wie im Freistaat, kommt auf den Steuerzahler damit ein Risiko von rund 13 Milliarden Euro zu.

Der Bundestag will die Geschäfte besser kontrollieren
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26 Kommentare zu "Milliardenrisiko: Zinswetten bergen Sprengstoff für Tausende Städte"

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  • wie verzweifelt müssen die Kommunen denn sein um sich auf ein Geschäft mit der Deutschen Bank einzulassen.
    Dort treten "Eperten" gegen "Amateure" an.
    Beide sollten zur Rechenschaft gezogen werden.
    Die Bankenvertreter und ebenso die Vertreter der Kommunen.

  • die Komunen haben gezockt,desto höher die Rendite,umso größer das Risiko.Man sollte nur das machen was man versteht.Warren Buffett läßt grüßen.

  • die Komunen haben gezockt,desto höher die Rendite umso größer das Risiko.Sollte doch jeden klar sein.Man sollte nur das machen was man versteht.Warren Buffett läßt grüßen

  • Nach meiner Wissenslage wird im Moment leider nur an der Oberfläche gekratzt. Tiefer wird sich erst getraut, wenn die Schlammschlacht um die besten Köpfe auf den Wahlplakaten ersichtlich wird.

    Dannn kommt vielleicht das ein oder ander Überraschungsei ungewollt auf die Bildfläche.

    Viel Wissen nutzt eigentlich nichts, wenn es niemand annehmen will und seinen verfassungsrechtlichen Auftrag dahingehend in Szene setzt. Schließlich kleben diejenigen schon zu lange am Sessel und sind leider auch nur weisungsgebunden. System Kreislauf allerorten.

  • Es stellt sich immer mehr die Frage, wer sich in welchem Umfang aus dem Kreis der Kommunen (Kämmerer / Bürgermeister - Parlamentarier - Rechnungsprüfungsaufschüsse / Gemeindeprüfungsanstalten zu verantworten haben. Aufnahme von Krediten in Fremdwährungen bis zu komplexen "Zinswetten" - ist das durch die Gemeindeordnungen etc. wirklich gedeckt?

  • Dieser Artikel sollte man der EZB und den "Willfährigen" des ESF und ESM in seiner ganzen Lesart zur Verfügung stellen. Banker wußten was Sie taten, garantiert gegen den "ehrbaren" Kaufmannsbegriff von Treu und Glauben gehandelt.

    Gut zu wissen, daß ewig Gestrige jetzt erfahren dürfen, wie es mancher "Heuschrecke" diente. DAS RECHT AUF ZINSEN EIN MENSCHENRECHT", natürlich jederzeit einklagbar. Die Verluste werden ohnehin irgendwo abgeschrieben. Da kann einfach nicht anders retourniert werden, als jedem Menschen seine fahrbare Guillotine zur Verfügung stellen zu wollen. Frei dem Motto, wer mehr Papiergeld hat, dem gebühren freilich auch mehr Guillotinen. Noch Fragen? Arme heile Welt in kranker Manier.

  • So richtig fies das hier auch ist:

    Man sollte nicht vergessen, dass die

    Verwaltungsleute, Vorsitzenden der städtischen GmbHs (also politisch Abgestellte in der Regel)


    noch viel GROTESKER Ihre Aufgaben und Verantwortungen pervertiert haben, als sie

    STEUERGELDER hinterzogen haben, in dem sie Cross-Border Geschäfte abgewickelt haben.

  • Finanzielle Massenvernichtungswaffen !
    Wer ist eigentlich jeweils die Gegenpartei der Wette?

  • "Die Rechenwerke der befragten Institute würden nicht trennscharf zwischen verschiedenen Swapgeschäften differenzieren, heißt es in dem Schreiben des ZKA," ...

    Für diese Auskunft fehlen die Auskunftgebenden wegen falscher Angaben eingesperrt. Die Vorstände der Banken, die sie "gemeint" haben, gleich dazu. Der Stellungnahme mangelt es am Respekt vor dem Parlament.

    Wenn die Abgeordneten diese Auskunft als bare Münze aufgenommen haben, dann waren und sind sie ahnungslos. Wen wundert es dann noch, wenn sie sich zu "alternativlosen Entscheidungen" gedrängt fühlen. Solche Leute darf man dann nicht mehr über solche Geldbeträge abstimmen lassen, wie sie es i.S. Rettungsschirm getan haben. In einer Bank kämen sie über den Job des Pförtners nicht hinaus.

    Sie sind den "Bankerten" völlig willenlos ausgeliefert.
    Dafür gibt es nur zwei Gründe, wenn man den Gedanken der Korruption ausklammert:

  • "Die Rechenwerke der befragten Institute würden nicht trennscharf zwischen verschiedenen Swapgeschäften differenzieren, heißt es in dem Schreiben des ZKA," ...

    Für diese Auskunft fehlen die Auskunftgebenden wegen falscher Angaben eingesperrt. Die Vorstände der Banken, die sie "gemeint" haben, gleich dazu. Der Stellungnahme mangelt es am Respekt vor dem Parlament.

    Wenn die Abgeordneten diese Auskunft als bare Münze aufgenommen haben, dann waren und sind sie ahnungslos. Wen wundert es dann noch, wenn sie sich zu "alternativlosen Entscheidungen" gedrängt fühlen. Solche Leute darf man dann nicht mehr über solche Geldbeträge abstimmen lassen, wie sie es i.S. Rettungsschirm getan haben. In einer Bank kämen sie über den Job des Pförtners nicht hinaus.

    Sie sind den "Bankerten" völlig willenlos ausgeliefert.
    Dafür gibt es nur zwei Gründe, wenn man den Gedanken der Korruption ausklammert:

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