Mindestlohn-Bilanz: Teure Taxen, weniger Service

Mindestlohn-Bilanz
Teure Taxen, weniger Service

Ostdeutschland. Und die Dienstleistungsbranche. Daran kommt man nicht vorbei, wenn man sich in Deutschland auf die Suche nach den Folgen des Mindestlohns macht. Eine erste Bilanz.
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BerlinArbeitsplätze werden vernichtet, viele kleine Betriebe müssen vielleicht schließen und die Preise werden steigen – solche Schreckensszenarien zeichneten Kritiker des Mindestlohns. Knapp hundert Tage nach dem Start zeigt sich: Es trifft bisher nach Einschätzung von Experten vor allem Ostdeutschland und einzelne Branchen. Im Taxi, beim Bäcker oder in Hotels und Gaststätten müssen Verbraucher mancherorts mehr bezahlen. Auch bei Unternehmen hinterlässt die Neuregelung erste Spuren.

„Die Einführung des Mindestlohns hat aber nicht zu Preiserhöhungen auf breiter Front geführt, die wirklich bei den Menschen ein Loch in die Tasche reißen würden“, sagt Konjunkturexperte Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Damit sei auch nicht mehr zu rechnen. „Ich denke, dass die Preisreaktion schon fast abgeschlossen ist. Denn der Preis ist für die Unternehmen die erste Möglichkeit, auf den Mindestlohn zu reagieren.“ In den nächsten Monaten werde sich herausstellen, ob höhere Preise auch von den Verbrauchern akzeptiert werden.

Das derzeit robuste wirtschaftliche Umfeld in Deutschland spielt den Unternehmen dabei in die Hände. „Das hält natürlich mögliche negative Wirkungen, die der Mindestlohn haben könnte, erst einmal klein“, sagt Tarifexperte Thorsten Schulten vom WSI-Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung.

Doch gerade in strukturschwachen, grenznahen Regionen in Ostdeutschland ist das Angaben mehrerer Branchenverbände zufolge anders. Dort brachte die 8,50-Euro-Grenze besonders kräftige Lohnsteigerungen, weil das Niveau zuvor vergleichsweise niedrig war. Gleichzeitig ist es gerade in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer Kaufkraft schwer, gestiegene Personalkosten über Preiserhöhungen weiterzureichen.

Ein Beispiel: Hotels und Gaststätten in Mecklenburg-Vorpommern. Dort legten die Preise im Februar Angaben des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) zufolge um 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu - bundesweit lag das Plus nur bei 2,5 Prozent. Es könne sein, dass man diese Preissteigerung in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer Kaufkraft nicht durchsetzen könne, sagt Geschäftsführerin Sandra Warden. „Im Extremfall könnte das bis zu Betriebsschließungen führen.“

„Was wir jetzt schon erkennen können, ist, dass es Betriebe gibt, die Öffnungszeiten reduzieren, zum Beispiel den Mittagstisch abschaffen, über den Nachmittag schließen oder den Service reduzieren – und damit auch das Personal.“ Bisher zeigten die Gäste Verständnis, sagt Warden. „Was das dann mit einer Urlaubssaison macht, und ob dann doch der Einzelne rechnet und schaut, fahre ich kürzer oder seltener, oder mache den Kurzurlaub in Deutschland gar nicht mehr, das wird sich erst langfristig herausstellen.“

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Kommentare zu " Mindestlohn-Bilanz: Teure Taxen, weniger Service"

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  • Wie sieht es denn im Taxigewerbe aus? Da gehen die Fahrer rund 50 Stunden die Woche arbeiten und kriegen nur 30 Stunden bezahlt. Früher gab es 40% vom Umsatz und heute teilt man den Umsatz durch die 8,50 Euro Mindestlohn und zahlt keine steuerfreien Zuschläge mehr. Ergebnis, gleiches Bruttogehalt aber weniger Netto in der Tasche. Toller Mindestlohn!

  • Warum hätten die Bürger weiter die Personalkosten (Aufstockung) für unterbezahlte Angestellte weiterhin zahlen sollen? Ich freue mich, dass wir endlich einen Mindestlohn haben. So müssen die Banken ihre Pförtner ordentlich bezahlen, die Friseurin bekommt endlich auch einen ordentlichen Lohn genauso wie der Taxifahrer => interessant, dass dies alles Jobs sind, die nicht ins "Ausland" verlagert werden können.

    Zum Taxigewerbe => wenn es sich für die Großunternehmer nicht mehr reichen sollte, bekommen wir bestimmt wieder mehr Einzelunternehmer, die für "sich" arbeiten. Klingt für mich eigentlich nicht besonders besorgniserregend. :-)

  • Wär soll " Aufstockerrente " einmal bezahlen ?
    Natürlich der Normalbürger !
    Jeder braucht einen Lohn von dem er leben bzw. eine Rente von der Leben kann !

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