Mindestlohn
Das große Experiment

Staatliches Lohndiktat oder Wundermittel gegen Dumping: Der Mindestlohn sorgt für Dauerstreit. Vor den Koalitionsverhandlungen ist die Einführung so gut wie beschlossen. Gerade in Ostdeutschland steht viel auf dem Spiel.
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DüsseldorfEin langer Glaubenskrieg ist so gut wie entschieden. Jahrelang versuchten deutsche Ökonomen, einen gesetzlichen Mindestlohn zu verhindern. Der Sachverständigenrat als wichtigstes wirtschaftspolitisches Beratergremium führte einen regelrechten Feldzug gegen die staatliche Lohnuntergrenze. Eines seiner Gutachten aus dem Jahr 2006 beispielsweise trägt den Titel „Mindestlöhne – ein Irrweg“. 2008 warnten die Chefs von sieben Wirtschaftsinstituten in einem gemeinsamen Statement vor einem „staatlichen Lohndiktat“, das mit „erheblichen Beschäftigungsverlusten“ verbunden sei. Trotz dieser deutlichen Sprache sind die Forschungen zum Mindestlohn weit weniger eindeutig: Manche Studien kommen zu dem Ergebnis, dass ein Mindestlohn Jobs vernichtet – andere widerlegen das.

Bald können Ökonomen die Auswirkungen vermutlich in der Praxis untersuchen. Die Entscheidung für einen Mindestlohn, so scheint es, ist gefallen. Die SPD hat eine Lohnuntergrenze von 8,50 Euro zur Voraussetzung für eine Regierungsbeteiligung gemacht.

Auch die Union ist nicht abgeneigt. CSU-Chef Horst Seehofer zeigte sich bereits kompromissbereit. Manche Ökonomen warnen nun vor dem Verlust von 1,4 Millionen Jobs – andere erwarten überhaupt keinen Effekt auf den Arbeitsmarkt.

Fest steht: Gerade in Ostdeutschland wären sehr viele Menschen von einem Mindestlohn betroffen. Dort verdienen etwa 25 Prozent der Beschäftigten weniger als 8,50 Euro – im Westen hingegen nur etwa zehn Prozent. „Je höher die Betroffenheit, desto größer ist das Risiko von Arbeitsplatzverlusten“, sagt der Vizechef des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), Ulrich Walwei.

Die Lohnerhöhung durch den Mindestlohn könnte dazu führen, dass Unternehmen Arbeitsplätze abbauen oder auf Neueinstellungen verzichten. Deshalb spielt die Höhe des Mindestlohns vermutlich eine wichtige Rolle.

Genaue Aussagen sind aber schwierig. Unklar ist zum Beispiel, welche Rolle die Marktmacht der Arbeitgeber im Niedriglohnsektor spielt. „Wie sich ein flächendeckender Mindestlohn auf die Beschäftigung auswirkt, ist im Voraus nur schwer kalkulierbar“, sagt Walwei. „Die Einführung wäre ein großes Experiment.“

Kommentare zu " Mindestlohn: Das große Experiment"

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  • ne bescheidene Frage? Wieso sollten Löhne von Wohnungskosten abhängen? oder von Möhren- und Kartoffelpreisen? Ich arbeite für den, der den höchsten Stundensatz zahlt. Das kann in Deutschland sein, in Europa oder in Fernost. Wenn die Löhne/Einkommen wirklich nur nach dem Index für die Kosten eines Warenkorbes ausrichten, dann Gute Nacht. Ich spiele doch nicht Lotto um den 3er zu gewinnen sondern um den Jackpot zu leeren. Wenn gleiche Mindestlöhne dann wird man dort wohnen wo es am billigsten ist.

  • Sie sind ja wirklich ein zutiefst verbitterter Volksgenosse.
    Ich glaube an Gott, an mich und an meine eigene Familie. Sie können gerne vulgär in Gewaltphantasien schwelgen, diese Welt verfluchen und auf den Umsturz hoffen, nur wird der nicht kommen. Die Welt gehört denen, die was aus sich machen - wie es scheint, gehören Sie nicht dazu...

  • Ordoliberalismus predigen aber tatsächlich dem Feudalsozialismus, das ist die entartete Form des Neoliberalismus, als Zuhälter dienen, so sind sie die FDP Klientel und die Konservativen, also die mit dem großen alternativlosen C, auch die haben sich schon längst an die Marktkonformen verkauft, in der Angst der fiskalische Himmel der Welt bricht über ihnen ein und macht sie zu ganz armen Kirchenmäusen, dafür lohnen sich sogar Gesetzesbrüche und Vertragsbrüche. Aber der Popanz der Rechtsstaatlichkeit wird weiter wie eine Monstranz auf perfide und heuchlerische Art und Weise vor sich her getragen. The show must go on!

    Mein Problem ist ich gebe es zu, dass ich diesem Geschnatter noch nicht mal mehr zu hören möchte. Ich sehe gravierende Probleme menschlicher Art wachsen und entschuldigen Sie mich bitte, das akademische Dummgeschwätz von politischen Betrügern dieser etablierten Parteien gehen mir nur noch am unteren Rückgrat vorbei und für die Wähler dieser Politmafia habe ich nur noch Verachtung übrig.

    Im Übrigen, es gilt als gesichert, dass die “Pizza“ immer ungerechter verteilt wird und das geht noch so lange gut bis es mal richtig auf die Fresse gibt, denn eine andere Sprache verstehen diese feudalen Gierlappen bedauerlicherweise wohl nicht mehr! Ordoliberalismus reizt doch nur deren Lachmuskeln.

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