Minister zu Guttenberg: Der Volkstribun

Minister zu Guttenberg
Der Volkstribun

Karl-Theodor zu Guttenberg tappt von einer Affäre in die nächste, doch das Volk liebt ihn. Selbst seine Gegner haben deswegen Angst, ihn anzugreifen. Doch was macht den Mythos diese Mannes aus? Eine Spurensuche.
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Düsseldorf/Berlin

Es ist an der Zeit, dass endlich einmal Alf Mintzel zu Wort kommt nach dieser Woche des Wahnsinns. Es haben sich seit dem vergangenen Wochenende zur Affäre um den Verteidigungsminister und seine abgeschriebene Doktorarbeit ja schon sehr viele Leute gemeldet: Plagiate jagende Professoren, den Verteidigungsminister verteidigende Professoren, die Bundeskanzlerin, der bayerische Ministerpräsident, unzählige Abgeordnete, die Opposition ohnehin und die üblichen Talkshow-Bewohner sowieso.

Es geht vordergründig darum, ob der Verteidigungsminister seine Doktorarbeit abgeschrieben hat, ob er darüber gelogen hat und ob er deshalb und weil er den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages für diese Arbeit eingespannt hat, zurücktreten muss. Doch es geht auch um ein Phänomen: einen Mann, den diese schweren Anschuldigungen, die ja nicht die erste Affäre seiner kurzen Amtszeit sind, im Wahlvolk offenbar kein bisschen beschädigen. Beim Marktforschungsinstitut Infratest Dimap in Berlin heißt es auf Nachfrage zu des Ministers Popularitätswerten gar: "Wir versuchen ja schon seit Montag Effekte zu messen. Aber es stellt sich einfach keine negative Veränderung ein."

Journalisten und Politikerkollegen reiben sich die Augen und fragen sich: Wie ist das möglich? Warum perlen an dem Mann alle Vorwürfe ab wie an Teflon? Warum kann er gar damit kokettieren, ohne dass ihm das bei den Wählern schadet? Es liegt wohl daran, dass dieser Mann ein Mann mit neuen Eigenschaften ist. Und um die Neuartigkeit dieser Eigenschaften zu erklären, muss zunächst einmal Alf Mintzel ran.

Alf Mintzel sagt: "Ich habe tausende Seiten über die CSU geschrieben, aber so etwas wie die Karriere Guttenbergs hat es noch nicht gegeben in der Partei."

Mintzel weiß, wovon er spricht. Er ist emeritierter Soziologie-Professor der Universität Passau und eine Art Anatom der Organisations- und Kulturgeschichte der CSU. Er hat Bücher geschrieben wie die "Geschichte der CSU. Ein Überblick", "Die CSU. Anatomie einer konservativen Partei" und "Die CSU-Hegemonie in Bayern. Strategie und Verlierer".

Doch Guttenberg stellt Mintzel vor ein Rätsel: Die CSU sei seit jeher eine Partei, in der sich Netzwerke gegenseitig nach regionalem und inhaltlichem Proporz protegieren, ein Solist wie Guttenberg passe da eigentlich nicht rein: "Er ist der erste, der ohne Netz nach oben kam", sagt Mintzel. Die ungewöhnliche Karriere ist für den Wissenschaftler aus Sicht der Partei vor allem ein Alarmzeichen: "Das zeigt, dass die CSU einfach niemand anderen mehr hat." Woran die Partei selbst schuld sei: "Es gab nach den ganzen blassen Typen und den Skandalen um Horst Seehofer, der ja viele Werte der CSU verletzt hat, ein Bedürfnis nach jemandem, der für alte Werte, für Korrektheit steht - eben ein Adliger wie Guttenberg. Die brauchten einen jungen Heros, und den haben sie in Guttenberg gefunden."

Kommentare zu " Minister zu Guttenberg: Der Volkstribun"

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  • Freiherr zu Guttenberg muss zurücktreten, er ist nicht mehr tragbar als Minister, wer solch eklatante Erinnerungslücken hat und vorsätzlich täuscht darf nicht noch mit einem Ministerposten belohnt bleiben. Er ist eine Schande für die Bundesrepublik Deutschland.

  • Es ist einfach unanständig wie dieser Mann an der Macht klebt trotz der Faktenlage. Merkel hätte ihn sofort entlassen müssen. Jeder Soldat an einer Bundeswehruni würde unehrenhaft entlassen und disziplinarrechtlich bestraft. Konservative Werte und das Recht zählen wohl nichts mehr, längst sind sie einer Ochlokratie gewichen. Die Axt an unserer Demokratie, die mit der Meinungsumfragenhörigkeit von Schröder, Blair und anderen begann, und die Glaubwürdigkeit zugunsten kleiner Siege unterspülte

  • Zum Fall z. Guttenberg hat sich Prof.Oliver Lespius, Staatsrechtslehrer an der Universität Bayreuth hinlänglich geäußert: " Wir fühlen uns getäuscht, wir sind einem Betrüger aufgesessen."

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