Ministeramtsübergaben
Stabwechsel mit Storys, Rotstift und Tränen

Nicht überall war der Schritt von der Großen Koalition zu Schwarz-Gelb so deutlich zu spüren wie im Gesundheitsministerium. Mit der feierlichen Amtsübergabe in den meisten Ministerien begann für Union und FDP am Donnerstag der Regierungsalltag. Elf Häuser wechseln ihre Ministeriumsspitze aus. Echte Brüche zwischen Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb blieben dabei die Ausnahme.
  • 0

BERLIN. Immerhin, ein paar Tränen flossen, als sich Ulla Schmidt nach neun Jahren als Gesundheitsministerin von ihren Mitarbeitern verabschiedete. Für ihren Nachfolger, den 36-jährigen Philipp Rösler hatte die Gesundheits-Veteranin auch noch gute Tipps parat. Er solle sich vor dem Einfluss der Lobbyisten hüten, mahnte die Ex-Ministerin. Rösler hörte es sich an, fürchtet aber offenbar ganz anderen Einfluss. Als erste Amtshandlung entband er Klaus Vater, Schmidts Vertrauten, von seinen Pflichten als Ministeriumssprecher.

Tränen gab es auch im Wirtschaftsministerium, wenn auch nur in Redeform. Er gehe mit einer "ganz dicken Träne", sagte Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Der Alte gibt das Ministerium weiter an den Jungen, wobei es hier eher der Junge ist, der seinen Platz für den Alten räumt. Beschwingten Schrittes betritt zu Guttenberg den Saal im preußischen Akademiebau, händeschüttelnd folgt Rainer Brüderle. Der 37-Jährige, von dessen Glanz als Polit-Popstar auch die Beamten etwas abbekamen, und die 64-jährige Mainzer Frohnatur - unterschiedlicher können Vorgänger und Nachfolger kaum sein.

Beide wissen, was sie den Beamten schulden. "War einiges los", sagt zu Guttenberg flapsig. Und macht dann umso staatstragender weiter: "Sie haben die Grundsätze, die dieses Haus jahrzehntelang erarbeitet hat, die Soziale Marktwirtschaft, hochgehalten." Vom "Elitehaus" spricht auch Brüderle, ein Wort, mit dem man sich bei jedem Ministerialbeamten beliebt macht. "Ordnungspolitisches Gewissen der Bundesregierung", lobt der neue Minister die Mitarbeiter und seinen Vorgänger. Nur eine Rüge erteilt er zu Guttenberg: "Schön wäre es gewesen, wenn sie Opel schon abgewickelt hätten." Jetzt muss er sich um jenen Fall kümmern, der Ordnungspolitiker auf eine harte Probe stellt.

Launig erzählt Rainer Brüderle von seiner Zeit als Mainzer Wirtschaftsdezernent, streut Anekdoten ein. Als frischer Diplom-Volkswirt habe er sich für einen Posten im Bundeswirtschaftsministerium beworben - und war unter die letzten drei gekommen. Genommen haben sie dann einen mit Doktortitel, sagt Brüderle. "Verzögert hat sich?s. Aber jetzt bin ich da."

Nicht weniger freundschaftlich gestalteten Peer Steinbrück (SPD) und Wolfgang Schäuble (CDU) den Stabwechsel im Bundesfinanzministerium. Mehrere Hundert Mitarbeiter erlebten einen wie fast immer gut gelaunten und ein wenig wehmütigen Ex-Minister und einen neuen Finanzminister, der weiß, welche riesigen Aufgaben vor ihm liegen. "Wir wollen diese unglaublich schwierigen Herausforderungen miteinander bewältigen", sagte Schäuble. Steinbrück versicherte er, dass er ihn in den vergangenen vier Jahren nicht beneidet habe. "Ich beneide mich selbst nun auch nicht", sagte Schäuble mit verschmitztem Lächeln. Steinbrück überreichte dem neuen Finanzminister einen überdimensionalen Rotstift - als Symbol für die milliardenschweren Ausgaben, die in den nächsten Jahren gekürzt werden müssen. Der scheidende Minister betonte, ihm sei es ein Rätsel, wie die neue Koalition von Union und FDP nun trotz der knappen Finanzen in Bildung investieren, Steuern senken und zugleich konsolidieren wolle. Aber diese Aufgabe müssen nun andere erledigen.

Zu ihnen gehören als Leiter der Grundsatzabteilung Markus Kerber, ein ehemaliger Banker, der für Schäuble schon die gleichnamige Abteilung im Innenministerium geleitet hatte. Büroleiter Schäubles bleibt, wie schon seit Fraktionszeiten, Bruno Kahl.

Dass nun ein ganz anderer Typ als Steinbrück künftig die Finanzpolitik des Landes verantwortet, daraus machte der bisherige Innenminister keinen Hehl. "Steinbrücks Humor ist unnachahmlich", sagte Schäuble. Und versuchte auch erst gar nicht, wie Steinbrück, mit einer lustigen Anekdote zu enden, sondern machte den neuen Mitarbeitern Mut für die gemeinsame Arbeit. "Ich bin ein Mensch, der allen vertraut. Und wir werden die großen Probleme gemeinsam lösen", versprach der neue Schatzmeister der Republik.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur

Kommentare zu " Ministeramtsübergaben: Stabwechsel mit Storys, Rotstift und Tränen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%