Ministerpräsidentenamt
Ypsilanti gegen Koch: Endspiel in Hessen

Am nächsten Dienstag will die Sozialdemokratin Andrea Ypsilanti den Christdemokraten Roland Koch aus der hessischen Staatskanzlei in Wiesbaden werfen. Ihre Mehrheit: eine einzige Stimme.

BERLIN/WIESBADEN. Roland Koch hält das gläserne Pult fest mit beiden Händen. Er spricht frei. Fast eine Stunde lang. Keine Notizen, kein Stichwortkärtchen. „Es wäre ein bisschen blöd, Ihnen jetzt ein Regierungsprogramm vorzustellen“, sagt Roland Koch. „Wenn ich das mache, dann erst wieder am kommenden Mittwoch. Und wenn ich es dann nicht mache, dann kommt es bestimmt anders daher, als Sie es sich wünschen.“ Donnernder Applaus. Koch spricht vor 1 200 Mittelständlern, und vor ihnen hätte er auch dann ein Heimspiel, wenn ihr Treffen nicht im Kurhaus zu Wiesbaden, Hessens Hauptstadt, stattfände. Fast alles, was Andrea Ypsilanti und ihre Koalition ab kommenden Dienstag beschließen wollen, ist ihnen hier ein Graus.

Prächtige Säulen stützen die Saaldecke, so prächtig, dass sie auch eine Barockkirche zieren könnten. Engelein schwingen die Flügel, Leuchter spenden sanftes Licht. Ein Musiker streichelt den Steinway, ein anderer streicht am Cello. Als das Duo die Pausen mit argentinischen Tango-Fugen füllt, hört Roland Koch interessiert zu. Als der Unternehmerpräsident eine Standardrede zum Standort Deutschland hält, stützt er den Kopf schwer in die Hand. Dann scheint Roland Koch ganz woanders zu sein.

Hessens geschäftsführender Ministerpräsident selbst spricht, als er dran ist, vom Weltmarktstandort Frankfurt, erzählt von Reisen nach China, hält ein Plädoyer für den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Er macht sich lustig über Windräder, die auf dem Taunus bei wenig Wind partout keinen Sinn machen, und über den Ausstieg aus der Kernkraft, den die Deutschen für die Welt beschließen wollten und den die Welt nun ignoriert – zum Nachteil Deutschlands. Koch zieht alle Register, so dass sich der Eindruck einstellt, zu der langen Liste der Jobs, die Koch bald antreten könnte, gehöre doch auch der des Sonderbotschafters seiner deutschen Heimat.

Es ist eine schlaue Rede, und an ihrem Ende drängt sich die Frage auf, wie ein so gescheiter Mann im Januar einen so plumpen Wahlkampf machen konnte. Wieso einer der talentiertesten Politiker des Landes sich mit einer Kampagne gegen kriminelle Ausländer den Ruch des Fremdenfeinds einhandeln musste.

Bis nächsten Dienstag muss Roland Koch nun deshalb um sein Amt als Ministerpräsident bangen. Vermutlich wird er es verlieren.

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