Mit dem Start des Gesundheitsfonds
Krankenkassen im Fusionsfieber

Das Fusionstempo bei den gesetzlichen Krankenkassen hat sich mit dem Start des Gesundheitsfonds weiter beschleunigt. Seit zum 1. Januar ein einheitlicher Beitragssatz für alle Krankenkassen eingeführt wurde, sank deren Zahl durch Zusammenschlüsse in nur einem halben Jahr von 202 auf 187. Dabei gilt immer häufiger: "Big is beautiful".

BERLIN. Den Anfang machte die Technikerkrankenkasse (TK). Bereits zu Jahresbeginn schloss sie sich mit der IKK-Direkt zusammen und verwies mit nunmehr 7,1 Millionen Versicherten den bisherigen Marktführer, die Barmer, auf den zweiten Platz. Die DAK, die bislang drittgrößte Krankenkasse, hat sich mit der kleineren Hamburg Münchner auf eine Fusion zum 1. Januar 2010 verständigt.

Nun ist auch die Barmer auf Brautschau. Sie strebt einen Zusammenschluss mit der kleineren Gmünder Ersatzkasse (GEK) an. Noch hat die GEK sich allerdings nicht festgelegt. Er könne sich auch einen anderen starken Partner vorstellen, sagte Vorstandschef Rolf-Ulrich Schlenker. Neue Fusionen bahnen sich auch bei den bisher nur regional aufgestellten Ortskrankenkassen an.

"Big is beautiful", das galt nicht immer im deutschen Krankenkassengeschäft. Seit der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer in den 90er-Jahren die freie Wahl der Kasse einführte - bis 1997 galt diese nur für Angestellte - hatten vor allem die kleineren Betriebskrankenkassen die Nase vorn. Sie lockten mit günstigen Beitragssätzen immer mehr vor allem junge und gesunde Versicherte. Den Marktführern Barmer und DAK liefen genauso wie den meisten Ortskrankenkassen die Mitglieder in Scharen davon. Allein die TK stemmte sich erfolgreich gegen den Trend, weil sie wie viele Betriebskrankenkassen traditionell überdurchschnittlich gesunde und zahlungskräftige Versicherte hatte und deshalb im Beitragswettbewerb noch einigermaßen mithalten konnte.

Dies hat sich mit dem Gesundheitsfonds grundlegend geändert. Seither gilt ein einheitlicher Beitrag für alle Kassen von derzeit 14,9 Prozent. Ein neuer, feiner justierter Finanzausgleich zwischen den Kassen sorgt zusätzlich dafür, dass das Werben um gesunde und einkommensstarke Arbeitnehmer den Kassen keine Vorteile mehr bietet. Klein zu sein, hat damit jeden Charme für die Krankenkassen verloren. Denn es bedeutet heute für eine Kasse vor allem, dass sie es schwer hat, durch ein gutes Versorgungsmanagement und geschickte Vertragspolitik mit Ärzten und Krankenhäusern etwa bei der integrierten Versorgung ihre Kosten im Griff zu halten. Gutes Kostenmanagement aber ist derzeit das A und O, um Zusatzbeiträge zu vermeiden. Sie müssen jene Kassen bei ihren Versicherten einfordern, die mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommen.

Die durch Fonds und Finanzausgleich eher gebeutelten kleinen Betriebskrankenkassen betreiben daher derzeit vor allem Krisenmanagement. Durch gezielte Zusammenschlüsse mit anderen Kassen versuchen sie, die nach Alter, Geschlecht und Krankheit gestaffelten Zuweisungen aus dem Fonds zu optimieren, um so um Zusatzbeiträge herumzukommen. Bei den großen Kassen steht vor allem das Motiv im Vordergrund, Synergien mit den neuen Partnern zu realisieren und die eigene Marktmacht noch zu vergrößern. So macht Barmer-Chef Johannes Vöcking keinen Hehl daraus, dass er auf lange Sicht einen Marktanteil von 20 Prozent anstrebt. Die Fusion mit der GEK würde 15 Prozent bringen.

Bei den Ortskrankenkassen sieht die Motivlage völlig anders aus. Sie versichern traditionell ein ärmeres und im Durchschnitt kränkeres Klientel. Deshalb profitieren sie in der Summe vom neuen Finanzausgleich, der solche Nachteile besser ausgleicht. Doch zugleich sind sie nur regional aktiv, können also hohe Kosten in einer Region nicht durch geringere etwa in ländlichen Regionen ausgleichen. Die Hamburger AOK hat daher bereits vor dem Start des Fonds durch ihre Fusion mit der AOK Nordrhein versucht, ihre Durchschnittskosten zu senken. Ähnliches strebt nun die AOK Berlin durch ein Zusammengehen mit der AOK Brandenburg an. Beobachter erwarten, dass das nicht die letzte AOK-Fusion sein wird. Am Ende könnte von den derzeit 15 Ortskrankenkassen nur noch eine Handvoll übrig bleiben.

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