Mit einem überragenden Wahlergebnis stärkt die Unionsfraktion Angela Merkel
Kampfauftrag für die Kandidatin

"Lasst eure Wut nur aus", hatte Michael Glos am Mittag seinen Leuten aus der CSU-Landesgruppe eingeschärft - aber bitte an ihm, nicht an Angela Merkel.

BERLIN. Der humorige Franke macht gerne Späße. Was an diesem Dienstagspätnachmittag auf dem Programm steht, ist bitterer Ernst: Die frisch gewählte CDU/CSU-Fraktion soll Angela Merkel zur Fraktionschefin küren. Möglichst einmütig. Ach was, soll. Muss!

Zwei Tage nach der Bundestagswahl finden sich die Union und ihre Kanzlerkandidatin Merkel in einer unangenehmen Lage wieder. Die Union hat ein desaströses Ergebnis eingefahren - und weil sie dieses Ergebnis zu der schwierigsten Regierungsbildung seit Bestehen der Bundesrepublik zwingt, darf sie kein Wort verlieren, das nicht nach siegreicher Zuversicht klingt. Kein Sterbenswörtchen. Statt zu trauern und sich klar zu machen, was da eigentlich passiert ist, muss die um zwei Dutzend Abgeordnete geschrumpfte Fraktion ihre Kanzlerkandidatin zur einstweiligen Fraktionschefin wählen. Weil diese für die bevorstehenden Koalitionsgespräche einen möglichst eindrucksvollen Vertrauensbeweis braucht.

Nur drei ergreifen das Wort während der gut einstündigen Sitzung: Merkel, CSU-Chef Edmund Stoiber und der CSU-Landesgruppenchef und Erste Fraktionsvize Glos. Merkel nennt das Wahlergebnis vom Sonntag einen "Kampfauftrag": Jetzt komme es darauf an, dem auftrumpfenden Kanzler Schröder klar zu machen, dass seine Zeit abgelaufen sei. Und Glos, der die Wahl leitet, versäumt nicht, diskret darauf hinzuweisen, was nebenan bei der SPD deren Fraktionschef Franz Müntefering gerade für ein Ergebnis erzielt hat: 95 Prozent. Jeder versteht: Das muss getoppt werden. Und das gelingt dann auch mit eindrucksvoller Deutlichkeit: 98,6 Prozent Zustimmung genießt Angela Merkel in der Fraktion, deutlich mehr als 2002. Nur drei Abgeordnete haben gegen sie gestimmt, in einer geheimen Wahl. Frau Merkel hat die Vertrauensfrage bestanden.

Mit diesem Ergebnis im Rücken wird sie am Donnerstag Müntefering gegenübertreten und den Führungsspitzen von FDP und Grünen. Ob etwas herauskommt dabei, weiß niemand: Schon stellt man sich darauf ein in der Union, notfalls Merkel zur Minderheitskanzlerin zu wählen. Das sei immer noch besser als Neuwahlen, heißt es: Die könne man erstens dem Wähler nicht zumuten, und zweitens könne das für die Union nur in einem noch größeren Desaster enden.

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