Mit Hartz-IV-Kontrolleuren unterwegs
Hausbesuch bei der Bedarfsgemeinschaft

Seit es das Arbeitslosengeld II gibt, haben die Behörden mehr Arbeit. Eine Handelsblatt-Reportage beschreibt den Alltag der Hartz-IV-Kontrolleure.

HB AACHEN. Schlösser* lebt angeblich von seiner Freundin getrennt, ist bei ihr ausgezogen, seine Möbel sind auf dem Sperrmüll. Jetzt hat er Geld für die Erstausstattung einer eigenen Wohnung beantragt.“ Knapp schildert Angelika Holländer, 46, ihrer Kollegin Gisela Theißen, 36, den ersten Fall des Tages. Die beiden Frauen sind auf dem Weg zu ihren „Kunden“, wie die beiden Arbeitslose nennen. „Bei unserem letzten Besuch stand sein Name nicht an seiner neuen Wohnungstür. Wenn er heute wieder nicht aufmacht, laden wir ihn vor“, sagt Holländer, während sie die Daten in einer braunen Mappe nachschlägt.

Weiter Wollpullover und verknäultes Halstuch oder Ringel- T-Shirt und hochhackige Schuhe, Holländer und Theißen sehen aus, wie man sich Sozialarbeiter in Deutschland so vorstellt. Dabei haben die Frauen mit den freundlichen Mienen und den fröhlich-rheinischen Gemütern eine ziemlich ungemütliche Aufgabe: Sie sind „Fahnderinnen“, unterwegs im Auftrag der Aachener „Arbeitsgemeinschaft für die Grundsicherung Arbeitssuchender“ (Arge) und damit so eine Art Hartz-IV-Polizei.

In Aachen, einer Stadt mit knapp 15 Prozent Arbeitslosen, erscheinen die beiden Prüfer unangekündigt an der Haustür und sichten, ob vom Staat beanspruchte Leistungen überhaupt gerechtfertigt sind. Holländer und Theißen haben viel zu tun. Früher kontrollierten sie nur die Sozialhilfeempfänger. Jetzt, mit Hartz IV, gehören auch Bezieher von Arbeitslosengeld II (ALG II) zu ihrer Klientel – und damit etwa doppelt so viele Menschen wie früher. In Aachen sind mehr als 10 000 Haushalte von der Umstellung auf das ALG II betroffen – sie alle müssen nun mit Kontrollen rechnen.

So auch Georg Schlösser. Der erste Fall von Holländer und Theißen an diesem Morgen führt sie auf eine viel befahrene Straße in die Nachbarschaft eines Beauty Salons und einer Spielhalle. Am Ende eines gekachelten, dunklen Hausflurs entdecken die Frauen auf einem Klingelbrett den gesuchten Namen: „Schlösser“, steht mit Kugelschreiber auf einem weißen Zettel, provisorisch festgeklebt. „Das ist doch schon mal was“, sagt Holländer und notiert den Fortschritt zum letzten Besuch eifrig in ihrer Mappe. Drei Mal klingeln, keine Reaktion. „Jetzt bitten wir ihn eben per Post zur Vorsprache, zustellbar ist die ja nun“, sagt Theißen fast ein bisschen trotzig. „Und dann gehen wir mit ihm in die Wohnung.“

Schon wieder ein offener Fall. Denn das Wichtigste haben Holländer und Theißen noch nicht herausgefunden: Ob Schlösser tatsächlich in seiner neuen Wohnung lebt – oder noch immer bei seiner angeblichen Ex-Freundin. Es wäre nicht die erste Lebensgemeinschaft, die sich aufgelöst hat, um den Anspruch auf das ALG II zu erhöhen, berichten die Beamtinnen. Paare ziehen in getrennte Wohnungen, damit die Rente des einen nicht auf das ALG II des anderen angerechnet wird – auch das ist Teil der gelebten Realität seit Hartz IV.

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