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08.03.2008 
Der lange Weg der Grünen

Mit Zwille und Zwirn

von Rüdiger Scheidges

Vor 25 Jahren zieht die Protestpartei "Grüne" in den Bundestag ein. Damals ist die CDU ihr liebster Feind. Heute suchen die Erben von Joschka Fischer ihre Nähe - wie in Hamburg. Nach einer langen Reise sind die Grünen nun bei ihrer finalen Identität angekommen.

Für die Grünen ist der Alptraum zum Wunschtraum geworden. Foto: dpaLupe

Für die Grünen ist der Alptraum zum Wunschtraum geworden. Foto: dpa

BERLIN. Schauderhaft kalt steigt es dem Politiker den Rücken rauf: "40 Jahre CDU - das will mein Hirn nicht stehenlassen." Dieser Alp sucht Mitte der 80er-Jahre den Grünen-Politiker Joschka Fischer heim. Der Ex-Streetfighter, der in Frankfurt erst den Pflasterstrand umpflügt, dann im Blatt gleichen Namens gegen den Kapitalismus wettert, ist da längst als Bundespolitiker und hessischer Umweltminister etabliert.

Doch unter seinen weißen Nike-Turnschuhen brennt der Pflasterstrand weiter: Adenauer, Strauß, Kohl: basta! Denn die CDU ist für die 1980 gegründete Partei "Die Grünen" die Ausgeburt der Reaktion. Der Antrieb aller Politik.

Heute, 25 Jahre nachdem die Grünen am 6. März 1983 zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag gewählt worden sind, ist der Alptraum zum Wunschtraum avanciert: Zuerst nehmen wir Eppendorf, dann Berlin! Nicht viel anders lautet nach der Hamburgwahl die Strategie der Grünen, die nach langer Reise endlich bei ihrer finalen Identität angekommen sind.

Nicht mehr mit Hilfe von links, sondern der CDU will sie nun auf dem schwarzen Beifahrersitz auf den Champs-Elysées der Macht cruisen. 2008 ist die alternde Protestpartei auf gutem Wege, der FDP den Rang als Allround-Mehrheitsbeschaffer abzulaufen. Die Grünen sind, den neoliberalen Sound hart im MP3-Ohr, angekommen. Als Anti-Establishment-Partei sollen nun andere dienen, die Rivalen von links: Oskar Lafontaine, Gregor Gysi und die parlamentarische Formation "Die Linke."

Vor einem Vierteljahrhundert ist alles noch ganz anders. Am 8. März 1983 halten die Grünen ihre erste Sitzung im Bundestag ab - und das Bonner Regierungsviertel erlebt ein alternatives Happening. Zwei Tage zuvor ins Hohe Haus (Fischer: "eine einzige Alkoholikerversammlung") gewählt, ziehen die Latzhosenträger der deutschen Politik samt Sympathisanten aus der Innenstadt ins Tulpenfeld.

Als moralische Keule und Mahnmal künftiger Politik zerren die Umweltfreunde einen vom sauren Regen zernagten Nadelbaum durch die Viertel. Parteigründerin Petra Kelly trägt eine dürre Fichte als grüne Monstranz ins Parlament. Sie konnte an der Frankfurter Startbahn West gerade noch so eben vor dem Mobilitätswahn gerettet werden.

Kelly, die ökogetriebene Symbolgestalt der Grünen, schwört am Grab der alten Republik: "Wir werden die Bewegung nie verraten!" Die Unions-Spitze erwägt ein Verbot der Bewegten. Franz Josef Strauß, CSU, höhnt nur: "Karnevalsverein!"

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der akkurat gescheitelte Bundeskanzler Schmidt als unfreiwilliger Geburtshelfer

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