Mitbestimmung
DGB fordert Arbeitgeber heraus

Studie zum Einfluss der Mitbestimmung auf den Unternehmenswert heizt Reformdebatte an.

BERLN. In der Debatte um eine Reform der Unternehmensmitbestimmung sieht sich der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) durch eine neue wissenschaftliche Studie bestätigt. Danach lässt sich mittels ökonometrischer Analysen nicht nachweisen, dass die paritätische Beteiligung von Arbeitnehmern in Aufsichtsräten die Eigenkapitalrendite der betroffenen Kapitalgesellschaften beeinträchtigt.

DGB-Vorstand Dietmar Hexel will die Studie, deren Autor Sigurt Vitols am Wissenschaftszentrum Berlin forscht, am Mittwoch auf dem Deutschen Juristentag in Stuttgart vorstellen. Dort ist die Mitbestimmung ein Schwerpunktthema. Schon am Dienstag tagt erneut die Mitbestimmungskommission des früheren sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU), die im Auftrag der Bundesregierung Reformvorschläge erarbeiten soll. Die Arbeitgeber sehen ihre Argumente für eine Lockerung des Mitbestimmungsrechts durch diese Forschungsergebnisse nicht entkräftet.

Vitols hat für seine Studie Daten der rund 500 im Aktienindex C-Dax notierten Firmen untersucht. Um den Einfluss der Mitbestimmung zu prüfen, vergleicht er Eigenkapitalrendite und Börsenbewertung von Firmen mit weniger beziehungsweise mehr als 2 000 Beschäftigten. Denn laut Mitbestimmungsgesetz müssen Kapitalgesellschaften oberhalb dieser Schwelle ihre Aufsichtsräte zur Hälfte mit Arbeitnehmern besetzen. In kleineren Firmen erhält die Arbeitnehmerseite dagegen nur ein Drittel der Mandate.

Zwar steigt die Performance von Unternehmen tendenziell mit zunehmender Größe. Doch müsste ein negativer Einfluss der paritätischen Mitbestimmung diese Tendenz an der Schwelle von 2 000 Beschäftigten unterbrechen, so Vitols’ Ausgangsthese. Tatsächlich förderte die Überprüfung mit diversen so genannten Regressionsverfahren aber keinen derartigen Effekt zutage. Die Analyse basiert auf Daten von 2000 bis 2004.

Bisher gibt es nur wenige Studien dazu. Die US-Forscher Gary Gorton und Frank Schmid waren 2004 mit einer ähnlich angelegten Analyse zu einem anderen Ergebnis gelangt. Danach drückt die Mitbestimmung den Börsenwert der Firmen um fast ein Drittel und führt zu deutlich erhöhten Personalkosten. Ein unbequemes Problem für die Forscher ist dabei stets, dass es keine direkt vergleichbaren Firmen ohne paritätische Mitbestimmung gibt. Denn das Gesetz gilt ja zwingend für alle großen deutschen Kapitalgesellschaften. Vergleiche mit dem Ausland würden indes leicht von andere Standortfaktoren verzerrt.

Für den DGB erschüttert die Vitols-Studie eindeutig die These, dass die Mitbestimmung deutschen Unternehmen schade. „Jetzt haben wir es schwarz auf weiß“, folgert Hexel. „Die Unternehmensmitbestimmung ist kein Nachteil für den Börsenwert – aber ein großer Vorteil für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) bewertet dies anders. „Auch diese Studie ändert nichts an dem Grundtatbestand, dass kein anderes Land in Europa sich die deutsche Mitbestimmung zum Vorbild nimmt“, betont Arbeitsrechtsexperte Roland Wolf. Schon diese Isolation in der EU führe dazu, dass deutsche Unternehmen bei grenzüberschreitenden Fusionen im Nachteil seien. Die BDA will das deutsche Mitbestimmungsrecht daher für abweichende Vereinbarungen in einzelnen Unternehmen öffnen.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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