Mitgliederschwund
Bei den Verbänden geht die Angst um

Die deutschen Wirtschaftsverbände klagen über Mitgliederschwund. Fast die Hälfte hat in den vergangenen drei Jahren Mitglieder verloren, in einigen Fällen waren es sogar mehr als zehn Prozent. Offenbar ist das System an seine Grenzen gestoßen.

BERLIN. Die deutsche Verbändelandschaft steht vor einschneidenden Veränderungen. Mitgliederschwund und die daraus resultierende knappere finanzielle Ausstattung zwingen die Verbände zu Kooperationen untereinander. Außerdem wollen einzelne Verbände mit einem erweiterten Dienstleistungsangebot auf den Veränderungsdruck reagieren.

Das ist das Ergebnis einer Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft und des Instituts für Verbandsmanagement unter 114 kleineren und mittleren Wirtschaftsverbänden aus den Bereichen Industrie, Handel und Dienstleistungen. In einzelnen Branchen hat der Umbau der Verbändelandschaft bereits begonnen.

„Die Entwicklung in dieser Ausprägung ist neu“, sagte Hans Werner Busch vom Institut für Verbandsmanagement dem Handelsblatt. "Unter den Verbänden geht die Furcht um." Zwei Drittel der Befragten zählen den Mitgliederschwund mittlerweile zu den größten Risiken ihrer Organisation. 96 Prozent der Verbände finanzieren sich ganz überwiegend über die Beiträge der Mitglieder; Einnahmen aus Kapital- oder Immobilienvermögen spielen dagegen kaum eine Rolle.

Händeringend suchen die Verbandsmanager nach neuen Finanzquellen. Kostenpflichtige Dienstleistungsangebote für die Mitgliedsfirmen sollen zusätzliche Einnahmen bringen. Busch hält das Potenzial von Dienstleistungsangeboten allerdings für begrenzt, da der Markt in vielen Feldern bereits durch Beratungsunternehmen besetzt sei.

In den Augen von Busch ist die deutsche Verbändelandschaft zu fein verästelt. Eine Konsolidierung hält er für unausweichlich. Gerade kleineren Verbänden mangele es an Professionalität – und an einem ausreichend großen Betätigungsfeld. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Mitgliederschwund vor allem bei den Verbänden fortschreitet, die zurzeit noch eine starke Stellung in ihrer Branche haben. Gerade sie würden sich wegen ihrer bisher komfortablen Situation schwer tun, auf neue Entwicklungen zu reagieren.

Tatsächlich ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ein besonders ausgeprägtes Verbändewesen entstanden, das zumindest europaweit einzigartig ist. In der Politik wird beklagt, nicht selten würden selbst kleinste Veränderungen durch die beharrliche Lobbyarbeit der Verbände verhindert.

Doch offenbar ist das Verbändesystem an seine Grenzen gestoßen. Über 60 Prozent der befragten Verbände klagen über sinkende Mitgliederzahlen und einen Rückgang der Einnahmen. In fast allen Verbänden bilden die Beiträge der Mitgliedsunternehmen die entscheidende finanzielle Basis. In den vergangenen drei Jahren ist die Mitgliederzahl in fast der Hälfte der Verbände zurückgegangen, in sechs Prozent der Fälle sogar um mehr als zehn Prozent. Ein erheblicher Teil der Verbände geht davon aus, dass sich die negative Mitgliederentwicklung fortsetzen wird. Vor allem große Verbände blicken skeptisch in die Zukunft.

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