Modellprojekt im hessischen Rheingau
Hochbegabten-Internate machen Schule

Natascha stand am Abgrund des deutschen Bildungssystems. Die junge Aussiedlerin aus Russland sprach kaum Deutsch und kam in der Hauptschule in keinem Fach mit. Frust und schlechte Noten bestimmten ihr Leben in Deutschland. Bis ein Lehrer erkannte: Das Mädchen ist ja hochbegabt.

DÜSSELDORF. Das ist zwei Jahre her. Heute verständigt sich Natascha akzentfrei in der Sprache ihres neuen Heimatlandes, und die Zeit der Versagensängste ist längst vorbei. Die 15-jährige ist Schülerin an der hessischen Internatsschule Schloss Hansenberg im Rheingau, einem staatlichen Oberstufengymnasium für Hochbegabte. Dort praktiziert sie, was Landesvater Roland Koch predigt: Leistung, Leistung, Leistung.

Natascha lernt in einem Umfeld, von dem die meisten anderen Schüler in Deutschland nur träumen können. Die naturwissenschaftlichen Lehrsäle verfügen über modernste Ausstattung. Im Informatik-Raum stehen 20 teure Flachbildschirme. Und während in der Nachbarstadt Geisenheim die Schüler mit zerrissenen Atlanten auskommen müssen, auf denen noch die DDR eingezeichnet ist, studiert Natascha in einer reich bestückten Bibliothek die neuesten Lehrwerke.

20 Mill. Euro hat die CDU-Landesregierung in den Bau der Modellschule gesteckt. In Rekordbauzeit wurden auf einem Plateau über den Rheingauer Weinbergen Schul- und Wohngebäude für 220 Schüler hochgezogen. Am 1. September zogen die ersten 69 Schüler der Jahrgangsstufe 11 ein.

Koch hätte gern für sich reklamiert, Deutschlands erste staatliche Eliteschule eingeweiht zu haben. Doch diese Auszeichnung kommt dem ehemaligen sächsischen CDU- Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf zu. Der eröffnete im Sommer 2001 das Hochbegabtengymnasium Sankt Afra in Meißen. Dort büffeln jetzt 300 junge Köpfe nach speziell ausgetüftelten Lehrplänen.

Ob Hansenberg oder Sankt Afra: Hochbegabtenförderung macht Schule in Deutschland, nicht nur in christdemokratisch regierten Ländern. In Rheinland-Pfalz wurden bereits an vier Gymnasien Spezialklassen für überdurchschnittlich gute Schüler eingerichtet. Und an der Uni Trier nimmt der erste deutsche Lehrstuhl für Begabtenforschung in diesen Tagen seine Arbeit auf. „Durch das Pisa-Debakel haben die Bildungspolitiker erkannt, dass man die Besten gezielt fördern muss“, sagt der Wissenschaftler Christian Fischer vom Internationalen Centrum für Begabungsforschung in Münster. Fischer bricht eine Lanze für Hochbegabten-Internate wie jene in Hessen und Sachsen. Die deutschen Schulen seien „voll von begabten Versagern“. Nur ein „begabungsförderndes Umfeld“ führe zu einer Leistungsexplosion, erläutert der Pädagoge. Das Thema Talentförderung müsse in Deutschland endlich seinen „Elite-Dünkel“ verlieren.

Natascha und ihre Mitschüler fühlen sich nicht als Eliteschüler, die auf den Rest der Welt herabblicken. Sie sind nur glücklich, in Hansenberg dem normalen Schulalltag entronnen zu sein. „Hier werde ich nicht ständig von anderen Schülern gemobbt“, sagt Alexander (16) aus Rödermark. Und Insa (15) aus Johannisberg sagt, sie sei der Langeweile an ihrer alten Schule überdrüssig gewesen. „Die Lehrer haben mich nie gefordert.“

Wer in Hansenberg wohnen und lernen will, muss keine reichen Eltern haben. Für die Internatsunterbringung wird lediglich ein Monatsbeitrag von 300 Euro erhoben. Viele Schüler erhalten Bafög. Einzige Hürde ist der Eingangstest. Die letzten drei Schulzeugnisse müssen einen Notendurchschnitt von „deutlich über 2,0“ aufweisen, so Schulleiter Wolfgang Herbst. In einem dreitägigen „Assessment-Center“ werden Bildungsniveau, Intelligenz und Teamfähigkeit überprüft. Beim Test für den ersten Jahrgang fiel jeder zweite Bewerber durch. „Wir wollen nicht den vergeistigten Einzelgänger, sondern aufgeweckte Schüler mit ausgeprägten sozialen Fähigkeiten“, meint der Schulleiter.

Erwartet wird eine überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft, insbesondere in den Schwerpunktfächern Naturwissenschaften und Ökonomie. Der Lehrplan umfasst 40 Wochenstunden, zehn mehr als an üblichen gymnasialen Oberstufen. Drei Leistungskurse sind ebenso Pflicht wie drei Fremdsprachen. Hinzu kommen Arbeitsgemeinschaften und geistige Appetithappen wie Chemiewettbewerbe und Börsenspiele.

Am Beginn der Klasse 12 steht ein sechswöchiges Auslandspraktikum. Die Plätze besorgen die beiden Sponsoren, die Dresdner Bank und der Chemie- und Pharmakonzern Altana. Das Engagement der Wirtschaft für eine staatliche Schule ist bislang einmalig in Deutschland. „Wer in Bildung investiert, hilft dem Land, sich für den internationalen Wettbewerb zu rüsten“, begründet der ehemalige Vorstandschef der Dresdner Bank, Bernd Fahrholz, die Begabtenförderung aus dem Marketing-Etat. Jeweils 500 000 Euro pro Jahr investieren Altana und Dresdner Bank in die Internatsschule. Das Geld scheint gut angelegt zu sein. Ministerpräsident Koch formuliert es ganz offen: „Die Sponsoren betreiben an dieser Schule Nachwuchswerbung.“

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