Moscheen
Bürger auf den Barrikaden

Deutschland ist ein Land, das für viele Immigranten eine neue Heimat geworden ist. Toleranz ist dabei für alle Beteiligten eine Grundvoraussetzung für gutes Miteinander. Wie schnell es mit dieser aber vorbei sein kann, zeigen die Debatten, wenn Muslime ein Gotteshaus errichten möchten.

MANNHEIM. Dort, wo die Frauen beten, oben auf der Empore, hat die junge Muslimin ihr Mobiltelefon gezückt – und, klick, die Besuchergruppe unten, wo sonst die Männer ihr Gebet verrichten, abgelichtet. Talat Kamran schaut kurz auf, dann fährt er fort: „Hören Sie, das ist der Gebetsruf.“ Kamran positioniert sich Richtung Mekka, legt die Hände um die Ohrmuscheln, schließt die Augen und intoniert: „Allahuakbar“ – Gott ist der Größte. Einige Besucher kichern. Andere tuscheln, schauen verlegen Löcher in die Luft. Eine junge Frau trägt gelangweilt Lip-Gloss auf. Nicht jeder weiß offenbar die Einladung zum islamisch-christlichen Dialog zu schätzen.

Dabei ist er in Mannheim schon weiter gediehen als in vielen anderen Städten. Nahezu täglich besuchen Schulklassen, kirchliche Gruppen, Verbandsdelegationen und Touristen die Yvuz-Sultan-Selim-Moschee, das größte Gebetshaus für Muslime in Deutschland. An diesem Nachmittag sind es etwa 30 angehende Krankenpfleger aus Süddeutschland.

Der höflichen Bitte, den Kopf aus Respekt vor der Würde des Ortes mit einem Tuch zu bedecken, ist keine der Frauen gefolgt. „Aber das ist okay“, sagt Talat Kamran, Vorsitzender der 500-köpfigen muslimischen Gemeinde. „Unsere Mitglieder haben sich daran gewöhnt.“

Toleranz auf beiden Seiten, das ist längst nicht selbstverständlich. Das zeigen derzeit einmal mehr die erbitterten Auseinandersetzungen um geplante Moscheen in Köln, München, Bonn, Berlin – überall dort, wo Muslime ihre Religionsausübung selbstbewusst in Szene setzen wollen, gibt es Zoff, machen Bürger Stimmung gegen repräsentative Sakralbauten. Die hitzigen Debatten strafen das Bekenntnis der Bundesregierung zur Einwanderungsgesellschaft Lügen. Ein Blick nach Mannheim, in den Stadtteil Jungbusch, könnte die Gemüter besänftigen – auch wenn es vor 15 Jahren gar nicht danach aussah.

„Es ging damals hoch her, da war was los auf den Bürgerversammlungen“, erinnert sich Norbert Hermann. „Im Jungbusch“ geboren und aufgewachsen, gehörte der 71-jährige Metzgermeister Anfang der 90er-Jahre zu den schärfsten Kritikern der geplanten Großmoschee: „Wir wussten ja nicht, was auf uns zukommt. Islam, das kannten wir nur aus Karl May – und da hat er ja nicht so toll abgeschnitten.“

Damals wie heute sind die Argumente der Moscheegegner dieselben: Es drohten Lärmbelästigung, Parkplatzprobleme, Massenaufmärsche, orientalische Lautsprecherdurchsagen, eine Störung des Stadtbilds. Die Moschee ein Symbol, das die ohnehin schon aufgeladene Diskussion über den Islam weiter anheizt?

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