München nach der Bluttat: „Die Leichtigkeit ist dahin“

München nach der Bluttat
„Die Leichtigkeit ist dahin“

In einem Münchner Einkaufszentrum wurden am Freitag neun Menschen erschossen. Einen Tag später bemüht sich die bayerische Landeshauptstadt um Normalität. Einen ganz besonderen Moment erlebten Besucher der Frauenkirche.

MünchenDer Tag danach ist voller Geschichten. Münchener Geschichten. Sie handeln davon, wie der angehende Bräutigam nach dem Kauf seines Hochzeitsanzugs das Kaufhaus Hirmer nicht mehr verlassen konnte, weil die Geschäfte in der Innenstadt geschlossen wurden – am nahen Stachus irrte angeblich ein Attentäter herum. Wie Menschen im Büro schliefen, weil sie nicht mehr nach Hause kamen. Wie die mit Clubs gesäumte Sonnenstraße, sonst Partyzone, frühmorgens verwaist war. Wie der Gastgeber eines Geschäftsessens für wichtige Gäste Drive-Now nicht mehr nutzen konnte und dann den Kleinbus holte, um selbst alle nach Hause zu fahren.

Es sind der Blumenhändler, die Metzgersfrau, die Käsefrau und der Nachbar, die erzählen. Eine Stadt hilft sich selbst im Ausnahmezustand. Ihr Betriebssystem war fünf Stunden lang lahm gelegt, und dieses Leben im Notfallmodus wirkt nach. München hat eine Depression.

Der Terror war weit weg, in New York, Bagdad, Madrid, London, Paris und Nizza. Er war im Fernsehen. Und jetzt ist er hier in der Nachbarschaft, ein paar hundert Meter von Schwabing entfernt im Olympia-Zentrum. Klar, 1972 war da ja auch etwas, sagen die Leute beim Einkaufen, warum sollte der Irrsinn dieser Tage nicht auch München wieder treffen? Aber wie soll man damit auf Dauer leben?

Dieser schwarze Freitag Münchens war schwül. Graue Wolken hingen über der Stadt. Hubschrauberlärm und die Schrillgeräusche von Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen kündeten von einem besonderen Ereignis. Die Menschen mussten raus aus U-Bahnen, sie standen verloren an Bushaltestellen ohne Busse. Autos stauten sich in Straßen, die sie sonst nie fahren. Der sonst so gut frequentierte Thailänder war bis auf sechs Personen leer, draußen verabschiedete man sich in Pass-gut-auf-Euch-auf-Besorgnis. Gute Freunde riefen an, ob man noch lebe.

Irgendwann im Bett war der Lärm weg. Keine Hubschrauber und keine Polizei-Feuerwehr-Krankenwagen-Geräusche mehr. Man sah auf die Talking Heads im Fernsehen, die von IS oder der Axt im Regionalzug sprachen, und wusste: Jetzt ist dieses Drama vorbei, mit hoffentlich wenig Toten. Aber was wird morgen?

Die Polizei hat einen sensationell guten Job gemacht, das sagen sie alle an diesem Morgen danach in Schwabing. Twitter, Facebook, improvisierte Pressekonferenzen, alles professionell. Bayerische Wertarbeit, man war vorbereitet. Aber was ist, wenn sich andere ermutigt fühlen von solchen Schießereien wie am Olympia-Zentrum? Wenn die Hemmschwellen fallen in einer Stadt, die Feste feiert und den großen FC Bayern München? „Ich gehe nur noch einmal zum Oktoberfest“, sagt der Blumenhändler, „höchstens“.

Einige Münchener sind am Tag danach zum Beten in die Frauenkirche gekommen – und erleben einen ganz besonderen Moment. Die Schüler der Domsingschule proben für ihren Jahresabschlussgottesdienst am Sonntag. „An solchen Tagen wird einem bewusst, wie wertvoll das Leben ist“, sagt Chorleiterin Gabriele Steck, die mit einer Gruppe von kleinen Kindern dabei ist. Sie selbst war am Freitagabend in München, viele Anfragen kamen nach dem Amoklauf bei ihr an, wie man helfen könne und ob der Auftritt überhaupt stattfinde. Doch so werde es ein ganz besonderer Tag.

Ein kleiner Bub kommt zu seiner Chorleiterin und fragt, wie man denn die Kirche am Vorabend geschützt habe. Steck erzählt ihm, dass die Polizei einen guten Job gemacht habe. Viele Münchener hätten die Ruhe bewahrt, sagt sie anschließend. Das sei auch das beste, was man in so einer Situation tun könne. Glaube könne da helfen.

München bemüht sich an diesem Samstag um Normalität. Die Flaggen am Rathaus sind mit Trauerflor versehen, doch der Marienplatz ist am Vormittag schon wieder gut besucht. Vor allem ausländische Touristen sollen das Glockenspiel sehen, fotografieren das Rathaus und die Mariensäule. Im Vergleich zum Vorabend ist die Polizeipräsenz deutlich zurückgefahren. Doch patrouillieren zwei Beamte in Schutzwesten auf dem Marienplatz, zwei Polizeitransporter sind am Rand geparkt. Angst habe er keine, zum Glück sei es ja nur ein Täter gewesen, sagt ein Tourist, der in einem der Straßencafés einen Cappuccino trinkt.

Im Dom wird es still, als der Chor „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ singt. Es sei eine Tag der Trauer, erklärt Oberbürgermeister Dieter Reiter zur selben Zeit nur einige Meter weiter im Rathaus. Alle städtischen Feste und Feiern seien an diesem Wochenende abgesagt. „Es sind schwere Stunden für München.“ Doch es gelte: „Unsere Stadt steht zusammen.“

Zweihundert Meter vor dem Olympia Einkaufszentrum hat die Polizei derweil die Straße abgesperrt, davor eine Wagenburg von Übertragungswagen, Kameras und Mikrofonen. Gesucht werden Augenzeugen. Ein Junger Mann mit Skateboard ist so einer. Keine 400 Meter wohnt er vom Tatort. Lässig auf das Brett gestützt gibt er Fernsehteams aus Frankreich, Österreich und Japan souverän Auskunft.
„München galt als die sicherste Stadt der Welt“, sagt der 18-jährige in die Mikrofone. Als er gestern nach Hause gekommen sei und die Schüsse gehört habe sei Panik ausgebrochen. „Hier auf der Kreuzung herrschte Chaos“. Seine Angst habe seiner Großmutter gegolten, die in der U-Bahn unmittelbar unter dem Einkaufszentrum gesessen habe. Was er heute denke? „Die Leichtigkeit ist dahin“, sagt er knapp und bringt das Lebensgefühl einer ganzen Stadt auf den Punkt.

Der Stadtteil Moosach rund um das OEZ ist ein Schmelztiegel in München. Hier haben viele ein Zuhause gefunden, die sich den Rest der teuren Metropole nicht leisten können.

Viele Menschen bringen Blumen und legen sie am Eingang des gesperrten U-Bahnhofes ab. Ein junger Mann mit pakistanischen Wurzeln im schwarzem Anzug bleibt mit lange gefalteten Händen und gesenktem Blick vor der Absperrung stehen. Durch die Bäume schimmert das große gelbe M. Es ist Der Schnellimbiss am Olympia-Einkaufszentrum, den seit gestern die ganze Welt kennt.

Im benachbarten Olympiapark packen die Arbeiter derweil Bühnen und Stände zusammen. Der beliebte Sommernachstraum ein Festival mit Musik und nächtlichem Feuerwerk fällt aus. "Hier will heute keiner feiern" , sagt ein Arbeiter beim Verladen eines RollContainers.

Hans-Jürgen Jakobs Quelle: dpa
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