Münsteraner schrieb Parteigeschichte
Möllemanns plötzlicher Tod: Der FDP verschlug es die Sprache

Die Szene war gespenstisch: Vor zwei Monaten schritt ein einsamer Jürgen W. Möllemann die Abgeordneten-Reihen im Bundestag ab und setze sich in der letzten auf einen Einzelplatz. Um den jetzt fraktionslosen Abgeordneten herrschte nicht nur räumliche Leere. Am selben Ort an diesem Donnerstag, nach der Nachricht vom Tod Möllemanns: Die Reichstag-Fahnen auf halbmast, eine Schweigeminute im Plenum, unter den Abgeordneten fragende Blicke, Kopfschütteln, Ratlosigkeit.

HB/dpa BERLIN. Bei der FDP dauerte es einige Zeit, bis sie die Sprache wiederfand. Nach Absprache mit dem Fraktionsvorstand trat Guido Westerwelle im schwarzen Anzug und dunkler Krawatte vor die Mikrofone: „In dieser Stunde geht es nicht um politische Differenzen, sondern um Anteilnahme.“ Nach dem Tod - so die Botschaft des Parteivorsitzenden - ist Möllemann wieder Teil der FDP-Geschichte geworden.

Wie kein anderer Politiker hat er diese Geschichte in den vergangenen Jahren geprägt. Die „FDP als Volkspartei“, das „Projekt 18“, den „Kanzlerkandidaten der FDP“ - alles Ideen des Rastlosen aus Münster, der von dem Ziel besessen war, sich und seine Partei wieder in die erste Reihe der deutschen Politik zu bringen. Dazu war ihm nahezu jedes Mittel recht. Er setzte sich sogar dem Verdacht aus, im nationalen und antisemitischen Lager Stimmen zu suchen.

Westerwelle folgte ihm zunächst auf diesem Weg, wurde auch auf Möllemanns Betreiben Parteichef und koppelte sich spät - nach Meinung vieler in der Partei zu spät - von dem NRW-Parteichef ab. Nach dem verpassten Sieg bei der Bundestagswahl gingen die Wege der FDP und Möllemanns auseinander - vor allem wegen der bis heute ungeklärten Finanzierung des Möllemann-Wahlkampfs mit der umstrittenen israel- kritischen Flugblattaktion. Das Aufatmen bei den FDP-Granden war groß, als das frühere freidemokratische Zugpferd schließlich von sich aus die Partei verließ und seinem Ausschluss damit zuvorkam.

„Der innere Trennungsstrich ist von beiden Seiten gezogen“, hatte Möllemann nach dem Bremer-FDP-Parteitag im Mai gesagt. „Guido Westerwelle muss sehen, wie er ohne seinen Motor, der ich ja für ihn war, klarkommt“. Westerwelle hatte in Bremen („Es gibt Dinge, die man sich nicht vorstellen kann“) den Schlussstrich öffentlich gezogen und damit seine deutliche Wiederwahl an die Parteispitze gesichert.

Möllemann machte sich in seiner ziemlich flachen Buch-Abrechnung „Klartext. Für Deutschland“ neue Feinde in der Partei. Selbst frühere Förderer wie Hans-Dietrich Genscher waren inzwischen längst auf Abstand gegangen. Nun hieß es „der Kerl aus Münster“, wenn von Möllemann die Rede war. Möllemann und die FDP - bis zum Schluss eine Achterbahn-Beziehung.

Bei den Liberalen war bis vor einigen Wochen noch große Unsicherheit, was aus der „Ecke Möllemann“ so alles noch kommen könne. Neue Überraschungen in den verschiedenen Spendenaffären oder die noch nicht ganz aufgegebene Idee, eine eigene Partei zu gründen.

Nach Bremen war das Thema Möllemann bei der FDP dann eigentlich abgehakt. Der früher gefeierte Vormann war zur Unperson geworden. Bei der FDP herrschte Oppositionsroutine. An diesem Morgen wollten die Spitzen-FDPler eigentlich die Arbeitsmarktzahlen kommentieren. Und dann stand Westerwelle vor dutzenden von Kameras und musste Möllemanns Tod kommentieren.

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