Murat Kurnaz freigelassen
„Bremer Taliban“ im Kreis der Familie

Mehr als vier Jahre musste der Deutsch-Türke Murat Kurnaz Demütigungen in Guantánamo auf Kuba ertragen. Weil er „zur falschen Zeit am falschen Ort“ war, landete er unter Terrorismusverdacht in dem berüchtigten Gefangenenlager. Am Donnerstag konnte er endlich wieder nach Deutschland zurückkehren.

HB BREMEN. Folter mit Hitze und Kälte, aufgehängt an den Armen, Prügel oder sexuelle Erniedrigungen erlitt der „Bremer Taliban“ nach Angaben seiner Anwälte in dem zum Symbol für Menschenrechtsverletzungen geworden amerikanischen Lager.

Inhaftiert wegen Terrorverdachts lebte der 24-jährige Einwanderersohn mit türkischem Pass eingepfercht in eine kleine Zelle, abgeschnitten von der Außenwelt ohne Prozess in dem Gefängnis. Nach Monate langen Verhandlungen, Gerüchten und gespanntem Warten nun die erlösende Nachricht: Kurnaz ist wieder in Deutschland. Nachdem zunächst stundenlang keine offizielle Stelle die Rückkehr des jungen Mannes bestätigen wollte, am Donnerstagabend dann die Gewissheit: „Er befindet sich wieder im Kreis seiner Familie. Deren Freude, den verlorenen Sohn wieder in die Arme schließen zu können, ist unbeschreiblich“, teilte sein Anwalt Bernhard Docke nach der Landung von Kurnaz in Ramstein (Rheinland-Pfalz) mit.

„Zur falschen Zeit am falschen Ort“, zitierte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im März aus einem Bericht des Bundesnachrichtendienstes (BND). Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf einer Pilgerreise in Pakistan wegen des Verdachts der Unterstützung des Terrornetzwerkes El Kaida festgenommen, kamen schon wenige Monate nach seiner Überführung nach Guantánamo Anfang 2002 Zweifel an der Schuld des jungen Bremers auf.

„Die USA wissen, dass Murat mit Terrorismus nichts zu tun hat. In seiner geheim gehaltenen Akte wird diese Tatsache nicht weniger als fünf Mal bestätigt. Diese Akte durfte ich einsehen, Murat Kurnaz jedoch nicht“, schrieb sein amerikanischer Anwalt Baher Azmy in einem Essay über die Besuche und von seinen Eindrücken über den jungen Bremer in Guantánamo.

Doch das Martyrium des verheirateten Schiffbaulehrlings in einem kleinen, videoüberwachten Stahlcontainer dauerte Jahre. Erst Anfang 2006 mit dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei US- Präsident George W. Bush kommt das Thema auf die politische Tagesordnung. Danach und mit dem zunehmenden internationalen Druck gegen Bush wegen des Lagers gab es für den jungen Mann und seine Familie endlich Hoffnung auf eine baldige Freilassung.

Sein Anwalt Azmy beschrieb die Verhältnisse, in denen Kurnaz leben musste. Er lebe dort wie „Robinson Crusoe“ und habe keinen Kontakt zu seiner Familie. „Mit seinem langen Bart und seiner Haarmähne sah er aus wie ein Schiffbrüchiger.“ Er habe nicht gewusst, ob irgendjemand in der Welt etwas von der Existenz des Lagers weiß. Bei ihren Gesprächen sei der junge Mann aus der Hansestadt am Boden angekettet gewesen.

In den Gesprächen habe der 24-Jährige, der sich in einen tief religiösen Mann verwandelt habe, die Logik des Terrorismus abgelehnt. Er habe gesagt: „Meine Eltern besuchen Einkaufszentren und Flughäfen in Deutschland. Warum sollte ich wollen, dass Terroristen sie umbringen.“ Ein Brief seiner Mutter, den sein Anwalt mitbrachte, sei der erste Kontakt zur Außenwelt seit drei Jahren gewesen. Nun endlich können seine Mutter und seine jüngeren Brüder ihr Versprechen vom Februar 2006 wahrmachen: „Umarmen, umarmen, umarmen."

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