Nach Ausraster
Finanzminister Schäuble wirft viele Fragen auf

Der öffentliche Wutausbruch von Wolfgang Schäuble vergangene Woche und der nun erfolgte Rücktritt seines Sprechers Michael Offer werfen lang unterdrückte Fragen auf. Womöglich ist es die versäumte Entschuldigung, die jetzt den Beginn eines langsamen Karriere-Endes für den Bundesfinanzminister markieren könnte.
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BERLIN. Das zumindest behaupten einige CDU-Mitglieder, wenn auch nur unter Zusicherung strikter Anonymität. Womöglich ist es das eine versäumte Wort am vergangenen Wochenende, das jetzt den Beginn eines langsamen Karriere-Endes für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) markieren könnte.

Vor wenigen Wochen noch hatte die Unionsfraktion Schäuble mit Standing Ovations ins Krankenhaus verabschiedet und für unverzichtbar als Finanzminister erklärt. Jetzt kritisieren dieselben Leute den Umgang mit seinem öffentlichen Wutausbruch gegen seinen Sprecher Michael Offer als dilettantisch. Für manchen Abgeordneten ist dies der Anlass, erstmals Schäubles Leistung als Finanzminister in Zweifel zu ziehen. "In der Steuerpolitik kommt nichts mehr aus dem Ministerium", heißt es enttäuscht bei Union und FDP. Vor allem das offenbar unabgesprochene Zurückrudern bei der Gewerbesteuerreform vergangene Woche stößt intern auf Kritik.

Statt am Wochenende ein klares "Entschuldigung" an Offer zu richten, hatte Schäuble lediglich gesagt: "Bei aller berechtigten Verärgerung habe ich vielleicht überreagiert." Am Dienstag zog Offer die Konsequenz und bat den Minister um eine andere Aufgabe. Als langjähriger Finanzbeamter ist der 51-Jährige unkündbar. Als Nachfolger wurde am Dienstag über Thomas Raabe spekuliert: Der frühere Sprecher von Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) kenne Schäuble seit Jahren. In Sachsen war er zuvor Regierungssprecher und Sprecher des Finanzministeriums.

Auf der Pressekonferenz zur Steuerschätzung hatte Schäuble Offer zurechtgewiesen, weil die Papiere mit dem Zahlenwerk noch nicht an die Journalisten verteilt worden waren. "Herr Offer, reden Sie nicht, sorgen Sie dafür, dass die Zahlen verteilt werden", sagte Schäuble und verließ für 15 Minuten die Pressekonferenz.

Die Szene lief in allen Nachrichtensendungen. Anders als früher war das Thema damit nicht beendet, vielmehr treibt es seither die Klickraten auf Youtube nach oben. Das "krasse Schäuble-Video" ist Gesprächsthema unter jungen Leuten in Berliner Kneipen ebenso wie im hauptstädtischen Politikbetrieb.

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  • Sehr dünnhäutiger beamter.
    Wenn man unkündbar ist und weis, man wird sicher wieder einen klasse Posten bekommen, kann man es sich erlauben das Handtuch zu schmeissen. in der realen Welt würde einem das nicht einfallen. Aber der Kündigungsschutz soll natürlich nur bei den 'richtigen' gelockert werden, weil es ihnen ja noch nicht schlecht genug geht. Ein wahres Lehrstück von Arroganz kann ich nur sagen.

  • Ein Vorgesetzter darf nicht in einer derartigen Form die Nerven verlieren. Herr Offers Retourkutsche ist mehr als gelungen.

  • @wolfbier: in der FR-online stand zu lesen, daß Schäuble selbst für die Verzögerung der Austeilung der Manuskripte gesorgt hat, weil er kurz vorher dort noch Daten eingebaut haben wollte. irgendjemand muß den Offer im Stich gelassen haben, denn als Sprecher weiß er auch, was er machen muß und wenn er davon ausgeht, daß die Unterlagen verteilt sind, würde er nicht so salopp davon sprechen, wenn er bemerkt hätte :"Ooops, dat hab ick ja vergessn". Ob es nun ein Mitarbeiter von Offer war, der nicht rechtzeitig fertig wurde mit den Kopien für die Pressemeute oder ob es aufgrund von Schäubles Änderungen gar nicht so schnell fertig zu bekommen war, bleibt uns "Zuschauern" vorenthalten. ich denke, hinter den Kulissen steht längst fest, wer den bockmist verursacht hat. Meistens sinds die Chefs selber! Das Spiel kennt jeder "kleine" Angestellte. Seine Leute dann allerdings so vorzuführen, ist doch eher selten zu sehen, daher auch die große Entrüstung. Allein der Nachsatz von Schäuble: "Zeigen Sie mir mal, was Sie da verteilen..." Feingefühl wie ein Panzerschrank. Mein Vorschlag: Offer soll bleiben, Schäuble kann gehen. Das denke ich übrigens nicht erst seit diesem Vorfall. Als Schäuble sich damals in der Krise auf dem Podium zu Josef Ackermann wendete und sich ausdrücklich für die gute Zusammenarbeit bedankte, ja, da wars soweit, da wußte ich, der soll gehen...

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