Nach dem Absturz der CDU
Das Leiden am Mangel von Klarheit

Wie am offenen Grab der CDU steht er da, gesenkten Hauptes und tieftraurigen Blickes. Dann stimmt er das Requiem an: „Wir haben einen schmerzlichen Verlust hinnehmen müssen.“ Doch der Trauernde, Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt, steht an keiner gähnenden Gruft, sondern mitten in der CDU-Parteizentrale. Immerhin hat er Grund zur Larmoyanz: Er betrauert sich selbst, genauer: das Dahinscheiden seiner absoluten Mehrheit. Auch ein Schicksal.

BERLIN. Ganz anders die Parteichefin. Sie sucht die Linderung des Grams im Angriff: Mit „riesigem Abstand“ habe die CDU in Sachsen gewonnen. Die SPD aber „verhöhne“ die Wähler, wenn sie von „Wahlerfolg“ rede. Groß sei die „Verzweiflung“ der Regierungsparteien: Jetzt müsse die SPD gar mit der NPD um Platz drei im Sachsenland ringen.

Doch egal wie breitbeinig sich die Vorsitzende hinter ihrem Pult aufbaut und körperlich jeden Eindruck von Wankelmütigkeit verscheuchen will: Der Absturz der CDU in Sachsen und die Verluste in Brandenburg sind für viele in der Partei die konsequente Fortsetzung des Abwärtstrends der Umfragen seit März. Von 50 Prozent auf knapp 42 ist die CDU gesunken und steuert damit geradlinig ihr Bundestagsergebnis von 2002 an: runde 38 Prozent.

Solange diese Looser-Marge aber nicht erreicht ist, werden die künftigen Präsidiums- und Vorstandssitzungenwie die gestrige verlaufen: geordnet, gesittet und nur hin und wieder mit leiser Kritik an der womöglich nicht reichenden Führungsstärke der Vorsitzenden garniert. In Wahrheit aber wollen viele in der Union in dem Wahldesaster die persönliche Niederlage der Parteichefin sehen. Seit dem Sommertheater 2004, als sie in den Dolomiten hing, dräut es nicht nur den parteiinternen Kritikern: Das Vertrauen der Bürger darauf, dass die Union soziale Reformen kompetenter und geradliniger als die Regierung und ohne größeren Wankelmut bewerkstelligen könne, ist dahin. Und das bedeute: das Vertrauen in Merkel.

„Dabei ist es nicht nur Hartz IV, das unseren Zickzackkurs belegt: Gesundheitsreform, Rentenpolitik, Steuermodelle, Zahnersatz, aber auch das EU-Referendum und der Beitritt der Türkei in die EU – überall wackeln wir und können den Leuten keine überzeugende, klare Linie demonstrieren“, stöhnt ein Vorstandsmitglied nach der Sitzung. Akute Führungsschwäche oder nur einzelne Panikmache? Dabei haben viele vergessen, wie es Kohl in den letzten Jahren einer Oppositionszeit erging: schlicht angewiesen auf freiwillige Einsicht und Loyalität.

Heute ist allen, auch Merkel, bewusst: „Die Lehre aus dem gestrigen Tag heißt: Vertrauen gewinnen“, fordert sie nach den Sitzungen. Im Laufe ihres Statements steigert sich Vertrauen zu Zutrauen. Womöglich auch dies ein Reflex der inneren Unsicherheit: Traut man der Vorsitzenden zu, für die „klare Linie“, für die sie selber steht, auch in der Partei zu sorgen? Ein Anfang scheint gemacht. Wie eine tibetanische Gebetsmühle rattern die Präsidiumsmitglieder und Vorständler die immergleiche Leier herunter: klare Linie zeigen! Nicht wackeln! Vertrauen finden! Und vor allem jetzt: ein klares Ja zu Hartz!

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