Nach dem Anschlag von Berlin
Die Angst darf uns nicht beherrschen

Der Anschlag von Berlin zeigt: Echte Sicherheit gibt es nicht mehr. Stattdessen macht sich Angst breit. Wollen wir verhindern, dass sich diese in Hass entlädt, müssen wir lernen, richtig mit ihr umzugehen. Ein Kommentar.

Nach dem Lkw-Anschlag von Berlin fordert Angela Merkel die Deutschen dazu auf, die Werte der Bundesrepublik zu verteidigen. „Wir werden die Kraft finden für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen: frei, miteinander und offen.“ Doch wie soll das gehen, was die Kanzlerin als Schlusssatz ihrer Erklärung zum Angriff auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche formuliert hat?

Wie können wir noch offen leben, wenn in Wirklichkeit nichts mehr sicher ist? Wenn uns nun beim Gang über Weihnachtsmärkte Sorgen überkommen? Wenn uns nach der Parallele zu Nizza, wo im Frühsommer ein Lastwagen in eine Menschenmenge raste und Menschen in den Tod riss, nun auch in den Kopf kommt, dass es auch eine Parallele zu Paris geben könnte, Terroristen also auch bei uns Restaurants und Musikklubs mit Kalaschnikows überfallen könnten?

Wer der Angst nachgibt und nicht mehr zu Konzerten, zu Veranstaltungen, in Diskotheken, Lokale oder auf öffentliche Feste geht, macht es natürlich jenen Recht, die – wie die Fanatiker der Terrormiliz Islamischer Staat oder der Taliban ohnehin Musik, Lachen, Fröhlichkeit aus dem öffentlichen Leben verbannen wollen mit ihren vor-mittelalterlichen Wertvorstellungen. Aber andersherum: Warum sollte man sich einem Risiko aussetzen, etwa nur um Musik zu hören?

Noch immer ist unklar, wer der Täter ist, der den Lastwagen gezielt in die Menschenmenge auf dem Berliner Breitscheidplatz gelenkt und zwölf Menschen in den Tod gerissen hat. Dass der festgenommene pakistanische Flüchtling wirklich der Täter ist, wird inzwischen auch von der Polizei angezweifelt. Doch all jene, die nun ihre Meinung bestätigt sehen, wollen dies ohnehin nicht mehr hören. Für sie steht die Hauptschuldige ohnehin seit langem fest: Merkel und ihre liberale Flüchtlingspolitik.

Noch schlimmer aber ist, dass in einem Rechtstaat mit den Regeln des Asylrechts und der Strafprozessordnung, die nun immer lauter werdenden Rufe nach kurzem Prozess gar nicht erfüllt werden könnten. In ihrer Heimat Gefolterte haben ein Recht auf Asyl. Menschen, die aus Kriegsgebieten fliehen, genießen Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention. Und nur ziemlich schwere Verbrechen erlauben eine Abschiebung Asylsuchender. Das sollte auch niemand ändern wollen, denn es sind Pfeiler unseres rechtstaatlichen Handelns.

Doch diejenigen, die schon von Anfang an „Ausländer raus“ rufen und nun sehen, dass ihren Forderungen nicht Folge geleistet wird, werden sich auch von diesem Argument nicht überzeugen lassen.

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Angst darf nicht in Selbstjustiz umschlagen

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