Nach dem Austritt
Clement: Ihr könnt mich mal!

Nach der Rüge kommt der Knall: Wolfgang Clement, ehemaliger Superminister und Reservekanzler, tritt nach 38 Jahren aus der SPD aus. Kurz entschlossen und tief gekränkt.

BERLIN. Dienstagmorgen, kurz vor neun, das Faxgerät im Büro von Franz Müntefering schnurrt los. Der SPD-Parteichef greift zu dem Papier, das das Gerät ausspuckt: "Hiermit erkläre ich mit Wirkung vom heutigen Tag meinen Austritt aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands", liest Müntefering gleich im ersten Satz.

Ungläubig greift er zum Hörer und ruft den Absender ab: "Meinst du das ernst, Wolfgang?" fragt er seinen alten Weggefährten aus Nordrhein-Westfalen. "Ich bleibe dabei und werde das Schreiben auch gleich veröffentlichen", gibt dieser knapp zurück. Die beiden Männer haben sich nichts mehr zu sagen. Sie legen auf.

Eine DIN-A4-Seite mit insgesamt vier Sätzen. Das ist er, der Schlusspunkt einer langen politischen Karriere des Wolfgang Clement. Ein trauriger Schlusspunkt. Seit 1970 war er in der SPD, Sprecher des Bundesvorstands, Berater von Johannes Rau, Ministerpräsident, Superminister, Reservekanzler (siehe auch: "Vom Superminister zum Sicherheitsrisiko"). Clement war ganz weit oben. Und jetzt das. Parteiaustritt.

Ein 68-jähriger Mann, der wie kein anderer für die SPD der Mitte steht, löst damit ein Erdbeben in seiner Partei aus, wie er es bislang noch nie geschafft hat - nicht mit seinen Stänkereien der vergangenen Monate, nicht mit seiner Dickköpfigkeit, für die er seit Jahrzehnten bekannt ist und die die rot-grüne Regierungskoalition belastete. Sogar der sonst bei innerparteilichen Dingen so schweigsame Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier äußert sich an diesem Tag. "Wir haben versucht, ihm Brücken zu bauen." Clement hat sie nicht betreten. "Ich bin enttäuscht", sagt Steinmeier.

Am Montagabend erfährt Clement per Telefon, dass die Bundesschiedskommission sich gegen seinen Ausschluss aus der SPD entscheidet. Den hatte sein Landesverband gefordert, weil er den Genossen in Hessen vor der Landtagswahl Anfang des Jahres die Regierungsfähigkeit abgesprochen hatte. Die Schiedskommission seines Heimatbezirks verhängte damals eine Rüge, bei der es jetzt die Bundesschiedsrichter belassen. Gelbe Karte für den VfL-Bochum-Fan.

So einer wie Clement erträgt Rügen aber kaum und schon gar nicht, wenn er sich im Recht fühlt. Lieber nimmt er noch die gelb-rote Karte wegen Meckerns in Kauf. "Aha, Rüge", sagt Clement, als er davon erfährt, denkt kurz nach und geht zum Angriff über. "Ich halte eine Rüge für unangemessen und falsch." Dagegen vorgehen könne er nicht mehr. Aber: "Es bleibt dabei: Die Energiepolitik der hessischen SPD ist nicht vertretbar, sondern falsch", betont Clement, "und in einem Industrieland nicht zu verantworten."

Sein Angriff gegen die sozialdemokratischen Träume von einem sauberen Industrieland, das sich mit Strom aus Wind und Sonne, ohne Atomkraft und Kohlekraftwerke versorgt, stand ganz am Anfang des Streits zwischen Clement und seiner Partei, den er jetzt mit einem Knall beendete. Im Januar mischte er sich in diese Debatte ein, während die Genossen in Hessen Wahlkampf machten und eine ganz andere Meinung vertraten. Also wetterte Clement gegen die hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti und warnte vor ihrer Wahl. Im Februar legte er nach und forderte, den Atomausstieg zu überdenken. Später warf er führenden Sozialdemokraten "falsches Maulheldentum" vor und warnte vor der Nominierung Gesine Schwans als SPD-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt.

All das sorgte für Ärger in der Partei. All das hätte man Clement aber noch verzeihen können, zumal er sich entschuldigte. Der alte Haudegen der Sozialdemokratie, er hätte weiter für seine Sicht auf die Welt kämpfen können - als SPD-Mitglied.

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