Nach den Silvester-Übergriffen: Karneval in dünnem Nervenkostüm

Nach den Silvester-Übergriffen
Karneval in dünnem Nervenkostüm

Selten schwebten über den Jecken so viele graue Wolken wie in diesem Jahr. Köln wird am Donnerstag dreimal so viele Polizisten einsetzen wie 2015. Die dramatische Silvesternacht hat viel verändert – auch in den Köpfen.
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KölnEin Fremder ist im Karneval eigentlich ein Freund. Es gehört quasi zum Wesenskern der Tage zwischen Weiberfastnacht und Karnevalsdienstag, dass sie den Sicherheitsabstand verschwinden lassen, den Menschen im Alltag intuitiv einhalten. Die Kneipen sind proppenvoll, zum Schunkeln wird untergehakt und ab und zu ein Küsschen verteilt, das man im Rheinland „Bützje“ nennt. Normalerweise.

Denn wer sich gerade in einer Karnevalshochburg wie Köln umhört, erhält den Eindruck, dass das Bützje bedroht sein könnte. Zu viel ist passiert zuletzt. An Silvester wurden Frauen aus einer chaotischen Menschenmenge heraus umzingelt und begrapscht.

Bei vielen Menschen löste dieses Szenario ein mulmiges Gefühl aus. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker sprach danach davon, dass besser nicht die Nähe von Menschen suchen sollte, die einem fremd sind. Man solle lieber eine „Armlänge“ Distanz einhalten.

Die Oberbürgermeisterin gibt nicht nur Ratschläge für den Karneval, sondern hat auch die Sicherheitsvorkehrungen massiv erhöht: Die Kölner Polizei setzt dieses Jahr an Weiberfastnacht - am kommenden Donnerstag- ungefähr 2500 Beamte ein, mehr als dreimal so viele wie im Vorjahr. 2015 waren 750 Polizisten im Einsatz. Weiberfastnacht war in den Vorjahren immer der kritischste Tag mit den meisten Delikten gewesen.

An den Hauptbahnhöfen in Köln und Düsseldorf wollte die Bundespolizei schon ab Freitag mit sogenannten Bodycams auf Streife gehen. Ein Jahr lang sollen die tragbaren Kamerasysteme von den Beamten getestet werden. Danach sollen die Bodycams möglicherweise zur Standard-Ausrüstung der Bundespolizei gehören.

Wird es also ein Karneval auf Armlänge? Damit wäre in gewisser Weise der Markenkern bedroht. „Man fragt im Karneval nicht nach dem Namen, wenn man küssen will. Die Erfahrung von Gemeinschaft, die den Karneval prägt, hat stark mit körperbetonten, sinnlichen Dimensionen zu tun: Schunkeln, Singen, Tanzen, Trinken“, erläutert die Bremer Ethnologin Michi Knecht, die dazu publiziert hat.

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„Die Silvesternacht hat uns etwas geraubt“

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