Nach der Streik-Niederlage
IG Metall vor Zerreißprobe

Irgendwann gegen fünf Uhr morgens stand Klaus Zwickel am Samstag im Berliner „Schweizerhof“ vor verschlossenen Türen. Der IG- Metall-Chef wollte hinein zu den anderen ins Verhandlungszimmer „Tessin“, scheiterte aber an einer dieser Hoteltüren, die von außen nur mit Code-Karten zu öffnen sind.

HB/dpa BERLIN. Die kurze Szene war typisch für die Rolle des Noch-Vorsitzenden in diesem Tarifkonflikt um die 35-Stunden-Woche im Osten: Zwickels Arbeitskampf war das nie. Die Strippen zogen andere. Deshalb ist für den obersten Metaller die schwere Niederlage der IG Metall einigermaßen zu verkraften. Schlimmer ist der völlig missratene Streik für zwei andere Arbeiterführer: Den ostdeutschen Bezirksleiter Hasso Düvel und IG-Metall-Vize Jürgen Peters, der im Oktober Zwickels Nachfolge antreten will.

Die beiden Traditionalisten hatten den Arbeitskampf im Osten mit langem Vorlauf organisiert. Praktisch war der Streik schon im November vergangenen Jahres beschlossene Sache. Und trotz der vielen Warnungen, trotz der schlechten Stimmung an der Basis und der Konjunkturflaute, trotz der Pleite der Gewerkschaften bei den Protesten gegen die Reformagenda 2010 des Kanzlers, ließen sich die beiden nicht davon abhalten, ihre Strategie durchzuziehen.

Bei Peters spielte dabei auch eine Rolle, dass er die Basis als Kämpfer überzeugen und mit einem gewonnenen Streik das Zwickel-Erbe antreten wollte. Jetzt wird er von gewerkschaftsinternen Gegnern persönlich für das Debakel verantwortlich gemacht. Und davon gibt es unter den 2,6 Mill. Mitgliedern der IG Metall nicht wenige. Die Ersten forderten noch vor einer Krisensitzung des Bundesvorstandes am Sonntagabend in Berlin „personelle Konsequenzen“. Und ließen offen, ob ihnen ein Rücktritt von Peters-Gefolgsmann Düvel reichen würde.

Im Reformerlager hoffen nun viele, dass im Herbst vielleicht doch noch der Zwickel-Wunschkandidat Berthold Huber die Nachfolge antreten könnte. Der Stuttgarter Bezirksleiter hatte sich auf der entscheidenden Sitzung im April gegen Peters nicht durchsetzen können. Damals gab es im IG-Metall-Vorstand Patt. So wurden Peters als Erster und Huber als Zweiter Vorsitzender vorgeschlagen.

Nun steht die weltgrößte Industriegewerkschaft vor ihrer wohl größten Zerreißprobe. Beobachtern drängt sich die Frage auf, ob angesichts der Privatfehde zwischen Zwickel und seinem designierten Nachfolger Peters der Streik nicht mit Absicht verloren wurde. In der noch am Sonntag in Berlin zusammengekommenen Tarifkommission wurde offen gefragt, warum in der vierten Streikwoche das eigene Lager und führende Betriebsräte den Streik in Misskredit brachten.

Die Tarifparteien sind im Grunde daran interessiert, die andere Seite trotz aller Konflikte nicht zu sehr zu schwächen, um die Tarifautonomie zu erhalten. Nach den gescheiterten Verhandlungen dankten die Spitzen beider Seiten einander und zollten Respekt - was sonst nicht zum Tarifritual gehört. Aus dem Gewerkschaftslager verlautete denn auch, dass die strittigen Punkte in der Verhandlungsnacht „eigentlich Themen waren, die normalerweise lösbar sind“. „Aber es sollte nicht sein“, sagte ein frustrierter Verhandlungsteilnehmer.

Mit der eingeräumten Niederlage - was Zwickel Anerkennung in der Politik einbrachte - wurden Peters und Düvel erheblich geschwächt. Für diese Demontage sei offenbar bewusst in Kauf genommen, den Streik an die Wand zu fahren, glaubt mancher Gewerkschafter. Ein angeschlagener Peters komme auch der Politik nicht ungelegen. Denn in der Debatte um das Reformpaket, das auch Zwickel besonders vehement bekämpfte, wird eine kompromissfähige IG Metall benötigt.

Bisher wurden einmal getroffene Personalentscheidungen der IG Metall nicht revidiert. Zumindest Zwickel wirkte am Tag der Niederlage entspannt. Auf der Pressekonferenz stellte er sich, zwischen Peters und Düvel sitzend, teils schlafend. Mit Blick auf seinen Abgang im Herbst antwortete er auf die Frage künftiger Strategien mit schallendem Lachen: „Da bin ich nicht mehr da.“

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