Nach Einsturz des Stadtarchivs
Köln: Nie wieder Klüngelland

Undurchsichtige Geschäfte und dubiose Entscheidungen, das sollte in Köln der Vergangenheit angehören. Doch der Einsturz des Stadtarchivs droht all die Versuche, neu anzufangen, zunichte zu machen.

KÖLN. Das K-Wort? Norbert Walter-Borjans federt aus seinem Sessel hervor und holt Stift und Papier. Er malt drei Quadrate auf, ein kleines für seine Stadt, ein mittleres für Deutschland und ein großes für den Rest der Welt. K wie Klüngel in Köln, dem kleinen Quadrat, das sei doch nur ein Thema in dem Teil Deutschlands, der mit Karneval und Kölsch nichts anfangen könne, sagt Walter-Borjans milde und tippt mit dem Kuli auf das mittelgroße Quadrat. International, im großen Quadrat, da spiele das gar keine Rolle, sagt der Wirtschaftsdezernent.

Indien, China, Amerika – Kölns oberster Handelsreisender war dort, und keiner habe sich um die Auswüchse des Eine-Hand-wäscht-die-andere gesorgt, die lange nirgendwo schöner zu sprießen schienen als im Schatten der beiden Domtürme. Das K-Wort, ein Standortnachteil? Alles eine Frage der Perspektive, findet Norbert Walter-Borjans. Er darf das so sehen, es ist sein Job, das Gute herauszustreichen.

Die Gegenperspektive lautet so: Der Einsturz der Stadtarchivs vor zwei Wochen hat Köln nicht nur geschockt. Er droht die Stadt zurückzuwerfen, und das zu einer Zeit, in der sich die Kölner anschickten, der Welt zu zeigen, dass der ewige Klüngelverdacht inzwischen zu Unrecht auf ihnen lastet.

Bilder sind mächtig. Wie da in der Severinstraße in Kölns Südstadt seit zwei Wochen täglich behelmte Retter im Zeitlupentempo auf Schutthaufen balancieren, wie sie Brocken für Brocken abtragen, um Dokumente aus 800 Jahren Stadtgeschichte, um den Nachlass von Heinrich Böll und anderen großen Kölnern Blatt für Blatt zu bergen, das erinnert an Tagesschau-Bilder aus Erdbebengebieten in China oder Iran. Drecksarbeit, dritte Welt.

Eine Stadt mit der unterentwickelten öffentlichen Moral einer Bananenrepublik, dieses Image plagt Köln seit Jahrzehnten. Beweise lieferten die Stadtmächtigen in inflationärer Zahl: Bauskandal. Müllskandal. Parteispendenskandale. Investitionsdeals rund um Kölnarena, Rathaus und Messehallen auf Kosten der Steuerzahler. Eine Sparkasse, die Hand- und Spanndienste leistete und, wie im Januar bekanntwurde, Mitspieler im Monopoly über Beraterverträge mit Bakschisch alimentierte.

Dass da beim U-Bahn-Bau 28 Meter unter der Severinstraße auch jemand nicht so genau hingesehen haben könnte? Immerhin gäbe es bei einem Eine-Milliarde-Euro-Projekt genug zu holen für eine kleine Umverteilung. Auch wenn bisher kaum etwas dafür spricht: Der K-Verdacht klebt an Köln wie auf Trottoirs festgetretene Kamelle an Rosenmontag.

Einstweilen sei die Stadt zurück auf dem „Boden der Tatsachen“, sagt Norbert Walter-Borjans. Er kehrt zurück vom großen ins kleine Quadrat auf seinem Zettel. Er weiß, wie mächtig ein Image sein kann. Zumal ein schlechtes. Bei Henkel lernte Kölns Wirtschaftsdezernent einst das Marketing-Handwerk. Die Politik von Johannes Rau und Wolfgang Clement verkaufte er jahrelang, diverse SPD-Wahlkämpfe leitete er.

Jedes Mal, wenn er aus seinem Fenster im 14. Stock des Technischen Rathauses in Deutz schaut, zwängt sich ein Menetekel der kölschen Vetternwirtschaft in sein Blickfeld: die neuen Messehallen, gebaut vom Oppenheim-Esch-Fonds. Dem garantierte die Stadt im Gegenzug auf 30 Jahre 600 Millionen Euro Miete. Eine Ausschreibung? Gab es nie. Konkurrenz schadet dem Klüngel.

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