Nach Londoner Terroranschlag
Deutsche Muslime warnen vor Übergriffen

Nach den Attentaten in London befürchten Muslime in Deutschland Feindseligkeiten aus der Bevölkerung. Vor allem in Berlin drohen die Gemüter überzukochen, nachdem der Innensenator die Zahl der in der Hauptstadt lebenden Islamisten mit rund 4000 bezifferte.

HB BERLIN. „Für uns sind diese Anschläge genauso unmenschlich und unverständlich wie für jeden anderen“, sagt Burhan Kesici von der Islamischen Föderation Berlin zu den Terrorakten von London. Es regt ihn auf, dass Muslime in Deutschland nach Anschlägen islamistischer Terroristen immer wieder unter Rechtfertigungszwang stehen. „Das ist für uns schlimm, denn der Islam ist eine Religion des Friedens.“

Safter Cinar vom Türkischen Bund Berlin findet die Argumentation ein wenig blauäugig. Er rate den Islamischen Gemeinschaften seit Jahr und Tag: „Wenn solche Verbrechen im Namen des Islam passieren, dann seid Ihr in der Pflicht. Ihr müsst eure Haltung in der Öffentlichkeit offensiv vertreten.“ Zumal die Attentate unter den 120 000 Türken in der Hauptstadt auf einhellige Ablehnung stießen.

In der 3,4-Millionen-Metropole Berlin mit ihren rund 440 000 Ausländern tobt seit Ende vergangen Jahres eine Dauerdebatte über das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen. Angestoßen hatte sie der Bürgermeister des Bezirks Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD). Sein Urteil: Die Integration ist gescheitert.

Die Anschläge hätten unter vielen Muslimen Ängste vor islamfeindlichen Übergriffen ausgelöst, erzählt Burhan Kesici. Schon nach früheren Attentaten von Islamisten habe es Feindseligkeiten aus der Berliner Bevölkerung gegenüber Muslimen gegeben. „Gerade Frauen mit Kopftüchern können von Pöbeleien auf der Straße ein Lied singen.“ Auch Safter Cinar weiß von solchen Sorgen aus der türkischen Gemeinde zu berichten. „Insgesamt ist aber in Deutschland bisher alles relativ nüchtern und sachlich abgelaufen.“

Die aus der Türkei stammende PDS-Abgeordnete Evrim Baba (PDS) hält Vorbehalte und Ängste mancher Deutscher vor der türkischen und arabischen Minderheit in der Stadt für völlig unbegründet. „Die Muslime, die hier seit Jahren leben, haben doch nicht vor, hier einen Gottesstaat zu errichten - die wollen Demokratie und Freiheit“, sagt sie.

Das sieht auch Innensenator Ehrhart Körting (SPD) so: „Es gibt in Berlin keinerlei Hinweise auf geplante Anschläge islamistischer Extremisten.“ Zwar gebe es in der Hauptstadt etwa 4000 Islamisten; von ihnen gelten aber 3000 als nicht gewaltbereit. Die übrigen sympathisierten zwar mit terroristischen Anschlägen im Ausland, aber Terror in Deutschland billigten sie auch nicht.

Die Islamische Föderation Berlin verurteilte die Terroranschläge von London scharf. In Wahrheit gehe es den Attentätern um politische Ziele, die sie mit Hilfe des Islam legitimieren wollten. In den Moscheen wurde in den Freitagspredigten eine entsprechende Erklärung verlesen. Die Föderation vertritt zwölf islamische Gemeinden in der Hauptstadt; seit einigen Jahren erteilt sie islamischen Religionsunterricht an Berliner Schulen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%