Nach Merkels Atomwende: Röttgen startet Wettlauf um bestes Anti-Atom-Konzept

Nach Merkels Atomwende
Röttgen startet Wettlauf um bestes Anti-Atom-Konzept

Die Kehrtwende der Kanzlerin in der Energiepolitik zeigt Wirkung: Umweltminister Röttgen ergreift jetzt die Initiative - und erklärt, wie er den bisherigen Pro-Atom-Kurs der Regierung umkrempeln will.
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BerlinBundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) will die deutschen Atommeiler so bald wie möglich abschalten. "Wenn's nach mir ginge, müssten wir schneller als beschlossen aus der Kernenergie aussteigen", sagte der CDU-Vize dem Magazin "Stern". "Für die älteren Werke gäbe es keine Laufzeitverlängerung. Über die neuen muss man reden." Er rechnet aber noch mit einer weiteren Nutzung von bis zu eineinhalb Jahrzehnten. "Weil wir morgen nicht aussteigen können und sicher noch zehn bis 15 Jahre Kernenergie haben werden, muss zwingend alles in die Sicherheit investiert werden, aber auch alles."

Die Bundesregierung hatte am Dienstag mit den Ländern mit Atomstandorten beschlossen, die sieben ältesten Meiler sowie das unsichere Atomkraftwerk Krümmel für ein Vierteljahr vom Netz zu nehmen. Der CDU-Politiker riet den Energiekonzernen zur Zusammenarbeit. "Laufzeiten regelt der Gesetzgeber. Wir haben ein Gesetz beschlossen. Gesetze sind änderbar", sagte Röttgen. "Fürs Geldverdienen braucht man in einer demokratischen Gesellschaft Akzeptanz. Wer mit Kernenergie auch in Zukunft Geld verdienen möchte, muss diese Akzeptanz gewinnen. Wir arbeiten gerade an dieser Akzeptanz."

Die Katastrophe im japanischen AKW Fukushima habe gezeigt, "dass sich auch ein klitzekleines Restrisiko realisieren kann", gab Röttgen zu bedenken. Auch die deutschen Atomkraftwerke seien gegen Erdbeben einer bestimmten Stärke gesichert. "Aber wir müssen doch prüfen, ob es nicht passieren kann, dass auch wir von der Natur widerlegt werden. Auch bei der Terrorgefahr müssen wir uns fragen: Reichen unsere Abwehrmechanismen aus?", so der Umweltminister weiter. "Laufzeiten erscheinen seit Japan in einem neuen Licht: als Laufzeit von Restrisiko." Die Deutschen müssten deshalb "neu definieren, welche Risiken wir bereit sind hinzunehmen - oder auch nicht", sagte Röttgen. Jedes AKW werde überprüft. "Gibt es Risiken, die wir nicht tragen wollen, muss es vom Netz."

Auch Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) will ein schnelleres Ende der Atomenergie-Nutzung in Deutschland. "Die Beherrschbarkeit der Kernenergie ist durch die Entwicklung in Japan nachhaltig in Frage gestellt worden", sagte der CDU-Politiker in einer Regierungserklärung im Landtag in Hannover. "Die Kernenergie hat jetzt erst recht keine wirkliche Zukunft mehr. Der geordnete und planvolle Ausstieg bleibt richtig."

McAllister betonte, bei jedem einzelnen Kraftwerk müsse nun ein individueller Sicherheitscheck erfolgen. Als Konsequenz aus der Reaktorkatastrophe in Japan ist das Kraftwerk Unterweser als eines von sieben in Deutschland für die nächsten drei Monate abgeschaltet.

Kommentare zu " Nach Merkels Atomwende: Röttgen startet Wettlauf um bestes Anti-Atom-Konzept"

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  • Anscheinend ist eine rechtlich saubere Lösung mit Frau Merkel unmöglich.
    Mein Vorschlag wäre eine echte überparteiliche Koalition der Verantwotungsbewussten. Ein konstruktives Mißtrauensvotum mit einer allseits geachteten Persönlichkeit, z.B. Herr Lammert, oder Herr Heiner Geißler oder Herr Gauck,der eine saubere Neuorientierung der Atompolitik und baldige Neuwahlen einleitet. Die Merkel-Mappus-"Wildsau-Gurkentruppe" hat doch längst abgewirtschaftet.

  • Ich kann die derzeitige Hysterie nicht nachvollziehen. Es ist doch nichts passiert, was die Situation der deutschen AKWs verändert hat! Es ist lediglich wieder einmal (!) das Risiko offenbar geworden, das man mit der Installation der Kernkraft vor Jahrzehnten eingegangen ist, und zwar unter den Umständen eines Erdbebens zusammen mit einem Tsunami. Dadurch verändert oder erhöht sich keinesfalls die Gefahr, die von unseren AKWs ausgeht. Von einer Regierung erwarte ich besonnenes Handeln und keinen populistischen Schnellschuß!
    Hier wird wieder einmal hektisch und unüberlegt agiert und den Preistreibern Tür und Tor geöffnet!
    Viel mehr Sorgen muß man sich um die "Endlagerung" des Atommülls machen, aber das ja auch schon seit Bestehen der Kernkraft...
    Also, alles wieder einmal unausgegorene heiße Luft und keine verantwortungsbewußte, nachhaltige besonnene zukunftsweisende Politik, sondern Parteien- und Wahlkampf-Blabla.

    So ein konsequentes Verhalten hätte ich mir bei den Bankenpleiten in der sog. Finanzkrise gewünscht! Die hunderte von Milliarden, die z.B. in der Hypo Real Estate oder den Pleitewirtschaften in Griechenland u.ä. versenkt wurden, hätten gut zur Entwicklung alternativer Energien verwendet werden können. Aber bitte keine Nahrungsgrundstoffe auf abgerodetem Regenwaldboden zur Energie- oder Treibstoff-Gewinnung anbauen!

  • Hauptrisiko:
    Menschliche Gier
    Menschliche Dummheit, Fahrlässigkeit
    Mangelnde Kontrolle der AKW da der Gesetzgeber viel zu schwach ist um sich bei den AKW Betreibern soweit durchzusetzen, daß die Bevölkerung durch die Profitgier einiger weniger (die sowieso schon viel mehr Geld haben als sie brauchen) nicht einem permanenten Risiko eines möglicherweise sogar langsamen qualvollen Todes ausgesetzt ist.
    Das ist NIE in den Griff zu bekommen

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