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Nach „Selbstmord“-Vorwurf an Bundesbank: Koalition spricht Grünen Regierungsfähigkeit ab

exklusiv Dass der Grünen-Politiker Palmer die Politik der Bundesbank in einen Zusammenhang stellt mit „vielen“ Selbstmorden in Krisenländern hat Empörung ausgelöst. Politiker von CDU und FDP wiesen den Vorwurf scharf zurück.

Boris Palmer. Quelle: dpa
Boris Palmer. Quelle: dpa

BerlinDer Grünen-Politiker Boris Palmer hat mit einem schweren Vorwurf an die Bundesbank große Empörung in der Berliner Koalition ausgelöst. Mit Blick auf die ablehnende Haltung des Bundesbankchefs Jens Weidmann zur Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte der Tübinger Oberbürgermeister auf seiner Facebook-Pinnwand geschrieben: „Es ist tragisch, dass diese deutsche Befindlichkeit, die letztlich ein Produkt des ersten Weltkriegs und der Folgeinflation ist, heute so viele Menschen in Südeuropa arbeitslos gemacht und bis in den Selbstmord getrieben hat.“

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Nach der Attacke stellen nun Politiker von CDU und FDP die Regierungsfähigkeit der Grünen infrage. „Der Vorwurf gegenüber der Bundesbank ist geschmacklos und offenbart zudem grobe Unkenntnis von Geldpolitik“, sagte FDP-Fraktionsvize Volker Wissing Handelsblatt Online. „Es gehört viel Naivität dazu, Staatsfinanzierung über die Europäische Zentralbank als Sparmodell für die Deutschen zu begrüßen.“ Palmer habe die Grünen damit offen zur „Inflationspartei“ erklärt. „Wer so einen Unsinn verbreitet darf in Deutschland keine Regierungsverantwortung bekommen.“

EZB-Anleihe-Programm zur Lösung der Euro-Krise

  • Mehr Transparenz

    Die EZB hatte im Mai 2010 nach einem Wochenende hektischer Rettungsaktionen der Euro-Staaten für Griechenland spontan ein Anleihekaufprogramm beschlossen. Die Konditionen des „Securities Market Programme (SMP)“ blieben weitgehend im Dunkeln. Die EZB gab lediglich im Nachhinein wöchentlich bekannt, welche Summen an Staatspapieren aus dem Markt genommen wurden, ohne dabei die Länder zu nennen. Zu beobachten war im Handel aber, dass die Zentralbank zunächst Griechenland und dann Irland und Portugal stützte, die unter den Rettungsschirm EFSF geschlüpft waren. Im Sommer 2011 folgten Spanien und Italien. Das Interventionsvolumen von SMP beläuft sich auf 209 Milliarden Euro.

  • Verzicht auf Limits

    So wie unter dem alten Programm nennt die EZB unter dem neuen Plan namens OMT („Outright Monetary Transactions“) vorab keine Summe über mögliche Anleihekäufe. Mit dem Verzicht auf ein Limit signalisiert die Zentralbank, dass sie einen langen Atem hat. Die Notenbank will sich bei den Laufzeiten der betroffenen Staatspapiere auf eine Spanne von einem Jahr bis drei Jahren beschränken. Begründet wird das mit dem Ziel des Programms: Der EZB geht es nicht darum, die Anleihezinsen zu drücken, um den Regierungen die Staatsfinanzierung zu verbilligen.

  • Niedrige Zinsen kommen nicht beim Verbraucher an

    Sie begründet ihr Eingreifen damit, dass die hohen Zinsen auf Staatspapiere indirekt die Kreditzinsen für die Verbraucher nach oben treiben. Der rekordtiefe Leitzins der Notenbank von 0,75 Prozent komme bei den Bankkunden nicht an. Die Übertragung der auf stabile Preise zielenden Geldpolitik sei damit gestört. Als Zeitraum für das Durchwirken der Leitzinsen auf die Marktzinsen veranschlagt die Zentralbank etwa drei Jahre.

  • Keine Hilfe ohne Spar- und Reformprogramm

    Als Lehre aus der Hilfsaktion für Italien will die EZB in Zukunft nur den Ländern unter die Arme greifen, die den Rettungsfonds EFSF und seinen Nachfolger ESM um Hilfe bitten. Es kann sich dabei um ein umfangreiches Hilfsprogramm zu Staatsfinanzierung handeln oder um vorbeugende Kreditlinien bei ersten Finanzierungsengpässen. Die Regierungen müssen sich als Gegenleistung zu einem strikten Spar- und Reformprogramm verpflichten. Im vergangenen Jahr hatte die italienische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Reformbemühungen gedrosselt, als die Zinsen dank EZB-Anleihekäufen sanken. Die EZB wird künftig im Nachhinein bekanntgeben, von welchen Ländern sie Staatsanleihen gekauft hat.

  • EZB verzichtet auf Privilegien

    Bisher genoss die EZB einen bevorzugten Gläubigerstatus. Damit würde die Notenbank bei einem Ausfall von Anleihen entschädigt, während viele Privatanleger Verluste hinnehmen müssen. Das wirkt abschreckend auf private Anleihekäufer und erschwert die angestrebte Entspannung bei den Zinsen. Die EZB will deshalb künftig auf das Privileg verzichten. Sie muss deshalb so wie die beteiligten nationalen Notenbanken im Pleitefall Verluste hinnehmen.

  • Inflationsbremse bleibt angezogen

    Wie bisher will die EZB verhindern, dass durch den Aufkauf von Staatsanleihen die Geldmenge wächst, weil den bisherigen Besitzern der Anleihen frisches Geld zufließt. Die Notenbank erreicht das, indem sie die Anleihekäufe neutralisiert. Über ihre Geldmarktgeschäfte entzieht die EZB den Banken das Geld, das sie zuvor für Staatsanleihen neu geschaffen hat.

Palmer seine Aussage inzwischen relativiert und bei Facebook erklärt: „Der Bundesbank habe ich das ja nicht vorgeworfen. Tatsache ist aber, dass die Selbstmordrate in Griechenland sich verdreifacht hat.“

„Von den Grünen habe ich nichts anderes erwartet“, kommentierte der finanzpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Klaus-Peter Flosbach, Palmers Facebook-Eintrag. „Der Angriff auf den Bundesbankchef ist absurd und in aller Form zurückzuweisen“, sagte Flosbach Handelsblatt Online. „Offenbar ist der Tübinger Oberbürgermeister durch die Regierungsgeschäfte in seiner Stadt nicht ausgelastet.“

Der CDU-Haushälter Norbert Barthle warf dem Grünen-OB Inkompetenz vor. „Palmers Aussagen sind von wenig Sachverstand geprägt. Es gilt: Schuster, bleib bei deinen Leisten“, sagte Barthle Handelsblatt Online. Er wies darauf hin, dass die EZB im Rahmen ihres Mandats entscheide, wann sie welche Maßnahmen zur Stabilität des Euros ergreife. Barthle sagte aber auch: „Die jetzt angekündigten Anleihekäufe können nur als kurzfristiges Krisenreaktionsinstrument in einer Ausnahmesituationen sinnvoll sein.“ Wichtig sei dabei, dass sie auch nur gegen Auflagen und Reformen in den Krisenländern vorgenommen würden. „Langfristig kann der Euro nur durch Strukturreformen und konsequenter Haushaltskonsolidierung stabil bleiben“, unterstrich der CDU-Politiker.

  • 09.09.2012, 12:19 UhrDelinix

    @ nachrichtlich: Edelzwicker
    @ Herrn Palmer
    Sehr geehrter Herr Palmer,

    ich hoffe, Sie schauen bei Ihrer Arbeit in Tübingen genauer hin als bei Ihren voreiligen und daher ziemlich dummen Schlüssen zur Arbeit der Bundesbank und den angeblichen Folgen für die griechische Suizidrate.
    Denn abgesehen von der unzulässigen und falschen Korrelation lag diese Rate nämlich jahrzehntelang weit unter dem europäischen Durchschnitt, sie war wirklich enorm niedrig. (Exakte Vergleichsdaten gibt es wg. unterschiedlicher Erhebungszeiträume offenbar nicht.)
    Und selbst wenn Sie jetzt etwas angestiegen sein sollte, so liegt sie trotzdem noch immer unter dem Durchschnitt.
    Klappern gehört zum Handwerk – den Satz kennen Sie doch sicher. Sie sind hier den griechischen „Handwerkern“ kräftig auf den Leim gegangen. Damit haben Sie sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
    Sie können das alles nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Suizidrate_nach_L%C3%A4ndern

    Auszug:
    3,5 pro 100.000 Einw. in Giechenland, 2006
    26,0 pro 100.000 Einw. in Ungarn, 2005
    30,4 pro 100.000 Einw. in Litauen, 2007
    24,5 pro 100.000 Einw. in Lettland, 2005
    21,5 pro 100.000 Einw. in Slowenien, 2007
    20,1 pro 100.000 Einw. in Finnland, 2005
    17,6 pro 100.000 Einw. in Frankreich, 2006
    11,9 pro 100.000 Einw. in Deutschland, 2008
    etc. etc.

  • 07.09.2012, 23:57 Uhrragione

    Es ist erbärmlich, was wir für Politiker haben. Entweder haben sie Gedächtnisschwäche, oder reden sie gegen das bessere Wissen? Im ersten Fall ist ein solcher unfähig und im zweiten gemeingefährlich.
    ES IST NICHT LANGE HER, DASS GROSSBRITANIEN UND DIE USA DIE ANLEIHENKÄUFE GETÄTIGT HABEN. UND MIT WELCHEM ERFOLG? DIE FINANZIELLE LAGE IST IN DIESEN LÄNDERN JETZT SCHLIMMER, ALS SIE DAVOR WAR!!!
    Alle jene, die dafür sind, daß Deutschland für alle zahlt, wollen den deutschen Arbeiter zwingen, daß er erst mit 67 Jahren in die Rente geht. Gleichzeitig gehen jene, welche dieser Arbeiter finanziert, schon mit 60 in die Rente. Dazu wird der deutsche Arbeiter, als Leiharbeiter, im Alter bettelarm da stehen.
    Die Probleme müßten grundsätzlich gelöst werden und nicht nur überbrückt oder in die Zukunft verschoben werden.
    WENN DIE GOLDMANSACHS-LEUTE (MARIO DRAGHI, MARIO MONTI, PETER PRAET, LUKAS PAPADEMOS u.a.) solchen Weg gehen und gehen wollen, ist es kein Wunder. Das gehört in derer Plan.
    HAT NICHT GOLDMAN-SACHS AUCH GRIECHENLAND AUF STRÄFLICHE WEISE IN DIE EURO-ZONE HINEINGETRICKST? JETZT SOLLEN DIE SELBEN "FACHLEUTE" DIE KRISE LÖSEN? Dabei drängt sich einem die Frage auf:
    "Könnte man nicht genauso den Kinderschutzbund unter die Führung vom Club der Pädophilen stellen?"

    DIE JETZIGE "Rettungs"MASSNAHMEN HELFEN NUR DEN VERURSACHERN DER KRISE UND DER WELTFINANZJUNTA.

    Wenn Frau Merkel sich nur auf eigene Koalition verlassen müßte, hätte sie andere politik gemacht und die Krise wäre wahrscheinlich größtenteils schon überstanden.
    Aber die GRÜNEN UND DIE SPD UNTERSTÜTZEN zu 100% die WURSTELPOLITIK DER KRISEN"LÖSUNG"; man kann besser sagen: die Krise wird nicht gelöst, sondern nach einem - uns alle vernichtenden - Plan gesteuert.

  • 07.09.2012, 21:53 Uhrskl

    Dieser Palmer ist ja einsame Klasse, soll er doch froh sein, dass man hierzulande statt die Selbstmorde sonstwo schlicht nicht wahrzunehmen (mir geht es so, da stirbt immer irgenwer irgenwo, kein Wunder bei etlichen Mrd. Menschen!), nicht in Mordlust verfaellt, ob der vielen oekonmischen Ignoranten in der Politik, die dummdreist unsere Ersparnisse und Renten aufs Spiel setzen! Was nicht ist, wird vielociht ja noch, wie 1933! Waere schade um die doch nicht schlechte Entwicklung Europas seit 1945 bis 2010. Danach ging's rapide wieder rueckwaerts!

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