Nach umstrittenem Urteil
Ärztepräsident Montgomery rät von Beschneidungen ab

Bundesärztekammer-Chef Ulrich Montgomery hält das vielkritisierte Beschneidungs-Urteil des Kölner Landgerichts für „unbefriedigend“ und „gefährlich“. Gleichzeitig warnt er Ärzte davor, die Maßnahme weiter vorzunehmen.
  • 14

Berlin/StuttgartDer Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, rät Medizinern, religiös begründete Beschneidungen von Jungen wegen des Kölner Urteils dazu vorerst nicht mehr vorzunehmen. Das Landgericht Köln hat die Beschneidung eines muslimischen Jungen als Körperverletzung gewertet, weil ein medizinisch nicht notwendiger Eingriff nicht dem Kindeswohl entspreche. „Wir raten allen Ärztinnen und Ärzten, wegen der unklaren Rechtslage den Eingriff nicht durchzuführen“, sagte Montgomery der Zeitung „Die Welt“ (Montag/Ausgabe Hamburg).

Nach seiner Ansicht ist das Urteil für „Ärzte unbefriedigend und für die betroffenen Kinder sogar gefährlich“. Denn nun bestehe die große Gefahr, dass dieser Eingriff von Laien vorgenommen werde. „Allein schon wegen der oft unzureichenden hygienischen Umstände kann das zu erheblichen Komplikationen führen.“

Nach dem Gerichtsbeschluss ist die Maßnahme auch nicht durch die Einwilligung der Eltern gerechtfertigt, da sie nicht dem Wohl des Kindes entspreche. Dessen Körper werde durch die in Islam und Judentum verbreitete Beschneidung „dauerhaft und irreparabel verändert“. Das rechtskräftige Kölner Urteil ist allerdings nicht für andere Gerichte verbindlich.


Nach Ansicht des CSU-Rechtspolitikers Norbert Geis müssen Beschneidungen aus religiösen Gründen in Deutschland weiterhin möglich bleiben. Dies werde der Bundestag nötigenfalls auch durch eine Gesetzesänderung klarstellen, sagte Geis am Samstag im Deutschlandfunk. Er glaube, dass es über die Parteigrenzen hinweg Einigkeit darüber gebe, „dass die Beschneidung möglich sein muss“. Geis fügte hinzu, dass seiner Ansicht nach die derzeitigen Gesetze aber ausreichten.

Die umstrittene Entscheidung des Kölner Landgerichts bezeichnete der CSU-Politiker als „Fehlurteil“ eines einzelnen Gerichts. Das Wohl des Kindes dürfe nicht auf körperliche Unversehrtheit reduziert werden, sagte der Bundestagsabgeordnete. Auch die religiöse Erziehung gehöre dazu.

Eingriff in die Religionsfreiheit oder Schutz vor Körperverletzung - das Urteil des Kölner Landgerichts gegen die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen hat heftige Kritik von Juden, Muslimen und Katholiken ausgelöst. Der Zentralrat der Muslime nannte die Entscheidung „einen eklatanten und unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften und in das Elternrecht“. Die Türkische Gemeinde in Deutschland warnte vor einem „Beschneidungstourismus“ in Länder, in denen solche Eingriffe nicht bestraft werden. Nach dem Zentralrat der Juden äußerten am Mittwoch auch andere Juden ihr Unverständnis.

Seite 1:

Ärztepräsident Montgomery rät von Beschneidungen ab

Seite 2:

Laut Bischofskonferenz gefährdet das Urteil die Religionsfreiheit

Kommentare zu " Nach umstrittenem Urteil: Ärztepräsident Montgomery rät von Beschneidungen ab"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Genau!

    Als es um Beschneidungen bei Mädchen ging, war die deutsche Öffentlichkeit voll Solidarität mit den armen Opfern. Bei Jungs heißt es, die sollen sich nicht so haben.

    Oder mal anders ausgedrückt: die Mädels sollen beim Ficken schön stöhnen, es wäre ja schade um jede durch unsachgemäße Behandlung verscheidende Zippe und wenn ein paar Ghettojünglinge weniger den aufgebrachten LeserbriefschreibERn Konkurrenz machen, begrüßen die das.

    Ich denke mal, dass ist eine Ausprägung von strukturellem Rassismus. Da denkt doch mal ¼ h drüber nach…

  • Angela Merkel hat gesagt, Deutschland mache sich zur Nation von Komikern, da es das einzige Land weltweit sei, das religiös motivierte Beschneidungen zur Straftat mache. Nun, beim irrationalen Atomausstieg sind wir doch auch die Vorreiter...da sind wir doch stolz drauf, nicht wahr? Überdies, sollte tatsächlich, wie angedacht, im Herbst eine Gesetzesvorlage verabschiedet werden, die religiös motivierte Beschneidungen straffrei stellt, dann heißt es, betroffene Juden und Moslems zu finden, welche sich als junge Erwachsene von ihrer Religon lossagen wollen,und bereit sind, Verfassungsbeschwerde beim BVerfG einzulegen, da sie sich in ihrem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit verletzt fühlen. Das könnte sehr spannend werden.. Hin-und wieder gibt es doch religiös-Abtrünnige, die ihren Kopf zum Denken und nicht nur zum Hut-tragen benutzen..Das diese Abtrünnigen dann unter Personenschutz gestellt werden müssen, weil sie um ihr Leben fürchten müssen, ist selbsterklärend.

  • Keine Religion steht ueber dem Grundgesetz.Beschneidungen an Kindern aus religiösen
    Gründen legal machen ist inakzeptabel für jeden aufgeklärten Menschen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%