Nach umstrittenem Urteil

Montgomery rät von Beschneidungen ab

Bundesärztekammer-Chef Ulrich Montgomery hält das vielkritisierte Beschneidungs-Urteil des Kölner Landgerichts für „unbefriedigend“ und „gefährlich“. Gleichzeitig warnt er Ärzte davor, die Maßnahme weiter vorzunehmen.
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Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery stellt sich hinter die Kritiker des Kölner Beschneidungs-Urteils. Quelle: dapd

Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery stellt sich hinter die Kritiker des Kölner Beschneidungs-Urteils.

(Foto: dapd)

Berlin/StuttgartDer Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, rät Medizinern, religiös begründete Beschneidungen von Jungen wegen des Kölner Urteils dazu vorerst nicht mehr vorzunehmen. Das Landgericht Köln hat die Beschneidung eines muslimischen Jungen als Körperverletzung gewertet, weil ein medizinisch nicht notwendiger Eingriff nicht dem Kindeswohl entspreche. „Wir raten allen Ärztinnen und Ärzten, wegen der unklaren Rechtslage den Eingriff nicht durchzuführen“, sagte Montgomery der Zeitung „Die Welt“ (Montag/Ausgabe Hamburg).

Nach seiner Ansicht ist das Urteil für „Ärzte unbefriedigend und für die betroffenen Kinder sogar gefährlich“. Denn nun bestehe die große Gefahr, dass dieser Eingriff von Laien vorgenommen werde. „Allein schon wegen der oft unzureichenden hygienischen Umstände kann das zu erheblichen Komplikationen führen.“

Nach dem Gerichtsbeschluss ist die Maßnahme auch nicht durch die Einwilligung der Eltern gerechtfertigt, da sie nicht dem Wohl des Kindes entspreche. Dessen Körper werde durch die in Islam und Judentum verbreitete Beschneidung „dauerhaft und irreparabel verändert“. Das rechtskräftige Kölner Urteil ist allerdings nicht für andere Gerichte verbindlich.


Nach Ansicht des CSU-Rechtspolitikers Norbert Geis müssen Beschneidungen aus religiösen Gründen in Deutschland weiterhin möglich bleiben. Dies werde der Bundestag nötigenfalls auch durch eine Gesetzesänderung klarstellen, sagte Geis am Samstag im Deutschlandfunk. Er glaube, dass es über die Parteigrenzen hinweg Einigkeit darüber gebe, „dass die Beschneidung möglich sein muss“. Geis fügte hinzu, dass seiner Ansicht nach die derzeitigen Gesetze aber ausreichten.

Die umstrittene Entscheidung des Kölner Landgerichts bezeichnete der CSU-Politiker als „Fehlurteil“ eines einzelnen Gerichts. Das Wohl des Kindes dürfe nicht auf körperliche Unversehrtheit reduziert werden, sagte der Bundestagsabgeordnete. Auch die religiöse Erziehung gehöre dazu.

Eingriff in die Religionsfreiheit oder Schutz vor Körperverletzung - das Urteil des Kölner Landgerichts gegen die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen hat heftige Kritik von Juden, Muslimen und Katholiken ausgelöst. Der Zentralrat der Muslime nannte die Entscheidung „einen eklatanten und unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften und in das Elternrecht“. Die Türkische Gemeinde in Deutschland warnte vor einem „Beschneidungstourismus“ in Länder, in denen solche Eingriffe nicht bestraft werden. Nach dem Zentralrat der Juden äußerten am Mittwoch auch andere Juden ihr Unverständnis.

Laut Bischofskonferenz gefährdet das Urteil die Religionsfreiheit
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14 Kommentare zu "Nach umstrittenem Urteil: Ärztepräsident Montgomery rät von Beschneidungen ab"

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  • Genau!

    Als es um Beschneidungen bei Mädchen ging, war die deutsche Öffentlichkeit voll Solidarität mit den armen Opfern. Bei Jungs heißt es, die sollen sich nicht so haben.

    Oder mal anders ausgedrückt: die Mädels sollen beim Ficken schön stöhnen, es wäre ja schade um jede durch unsachgemäße Behandlung verscheidende Zippe und wenn ein paar Ghettojünglinge weniger den aufgebrachten LeserbriefschreibERn Konkurrenz machen, begrüßen die das.

    Ich denke mal, dass ist eine Ausprägung von strukturellem Rassismus. Da denkt doch mal ¼ h drüber nach…

  • Angela Merkel hat gesagt, Deutschland mache sich zur Nation von Komikern, da es das einzige Land weltweit sei, das religiös motivierte Beschneidungen zur Straftat mache. Nun, beim irrationalen Atomausstieg sind wir doch auch die Vorreiter...da sind wir doch stolz drauf, nicht wahr? Überdies, sollte tatsächlich, wie angedacht, im Herbst eine Gesetzesvorlage verabschiedet werden, die religiös motivierte Beschneidungen straffrei stellt, dann heißt es, betroffene Juden und Moslems zu finden, welche sich als junge Erwachsene von ihrer Religon lossagen wollen,und bereit sind, Verfassungsbeschwerde beim BVerfG einzulegen, da sie sich in ihrem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit verletzt fühlen. Das könnte sehr spannend werden.. Hin-und wieder gibt es doch religiös-Abtrünnige, die ihren Kopf zum Denken und nicht nur zum Hut-tragen benutzen..Das diese Abtrünnigen dann unter Personenschutz gestellt werden müssen, weil sie um ihr Leben fürchten müssen, ist selbsterklärend.

  • Keine Religion steht ueber dem Grundgesetz.Beschneidungen an Kindern aus religiösen
    Gründen legal machen ist inakzeptabel für jeden aufgeklärten Menschen.

  • Wie war das noch mit dem hippokratischen Eid Herr Dr. Montgomery? Dort steht als oberstes Gebot den Kranken nicht zu schaden. Unglaublich wie der politgewandte und wendige Ärztepräsident Montgomery jetzt versucht die medizinisch nicht notwendige rituelle Verstümmelung von Kleinkindern mit an den Haaren herbeigezogenen Rechtfertigungen salonfähig zu machen. Ginge es nach Montgomery's Logik, dann müssten afrikanische Mädchen geradezu beschnitten werden und zwar durch deutsche Fachärzte, weil die Eltern die Verstümmelung sonst nicht sachgerecht z.B. im Sudan durchführten. Schon einmal haben deutsche Ärzte sich schuldig gemacht indem sie sich zu willfährigen Vollstreckungsgehilfen extremistischer Kreise machten. Montgomery bewegt sich auf dünnem Eis, wenn er es das Recht der gut zahlenden religiösen Fundamentalisten über das der kleinen Patienten stellt.

  • Beschneidungen von Minderjährigen ohne medizinische Indikation, entschieden von erziehungsberechtigten Personen sind nicht nur Körperverletzung sondern gleichzeitig ein Kindesmißbrauch deshalb, weil dem Kind die Religion der Eltern aufgezwungen wird. Religionsfreiheit heißt für mich auch, die freie Wahl der Religion zu haben. Wofür würde sich ein 18-jähriger Mensch entscheiden, wenn er die freie Wahl hätte? Für Buddhismus, Hinduismus, Christentum, Islam, Judentum, ... oder für gar keine Religion? Es gibt Menschen auf der Welt, die halten das Thema" Lieber Gott im Himmel" für absurd, und leben auch nicht schlechter als andere. Wie wäre es mit etwas mehr Soziologie, Anthropologie, Psychologie, Ethnologie, ... ? Vorsicht, zu viel davon macht klüger! Einmal abgeschnippelt ist abgeschnippelt! Und das Kind hatte gar keine Wahl!

  • Warum wird diese Diskussion um Beschneidung in der BRD überhabt geführt???
    Für mich ist dies Körperverletzung, und widerspricht dem GG auf Körperliche Unversehrtheit.
    Es ist für mich richtig, das die Richter in Köln dieses Urteil gefällt haben.
    Wer sich beschneiden lassen will, kann dies mit Erreichen der Volljährigkeit selbst entscheiden.
    Genauso bin ich gegen das Schächten aus Religiösen Gründen.
    Diese Ausnahme vom deutschen Tierschutzgesetz, war und ist ein Verbrechen an Tieren. Sofortiges Verbot des Schächtens, und verbot der Beschneidung.
    Man darf nicht alles Akzeptiren, was von andersgläubigen in der BRD gefordert wird.
    Deutsche Politiker die dies alles gutheißen, werden öffentlich Beschnitten.

  • @ OswinRobert
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    "Herr Geis -und andere ,viele andere- irren gewaltig, wenn sie ein etwaiges Verbot der Beschneidung für kleine Jungs als Einschränkung irgendwelcher Religionsrechte und Elternrechte darstellen."
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    Das ist einzige in dem sie nicht irren.

    Bloß findet das Elternrechte und das Recht auf freie Religionsausübung eben ihre Grenze im Recht auf körperliche Unversehrtheit.

    Ebenso wie mein Recht auf freie Wahl des Aufenthaltsorts ihre Grenze im Recht des Herrn Geis auf seine Privatgemächer findet.

    Das Recht auf körperliche Unversehrtheit geht bei einer Rechtsgüterabwägung hier eindeutig vor.

  • Widerlich - die genitale Verstümmelung von Kindern auch noch durch Gesetz legitimieren zu wollen.

    Typen wie dieser Geis sind hochgradig gefährlich.

    Demnächst will er sicher auch das Menschenopfer legalisieren. Solange es religiös begründet ist und an den eigenen Kindern vorgenommen wird.

  • "Montys"(Spitzname von Montgomery, dem dtsch. Mediziner) Kommentar geht in seiner Relativierung an der Realität vorbei:
    Wegen des religiösen Charakters der Jungenbeschneidung findet doch diese eben NICHT im Krankenhaus, sondern in Privaträumen statt, ein "Mohel" tut es nach exakter Vorschrift im Judentum während der Aufnahmefeie, - und eine analoge Person bei den Muslimen machen das schon so; gelegentlich wird es von Muslimen ,weil ohnedies keine dezidierten muslimischen Regeln angeführt werden können,auch schon al im Krankenhaus. (Warum also nicht bei allen und eben erst ab dem 14.Lebensjahr??)

    Herr Geis sieht die religiöse Erziehung in Gefahr? Wieso? Ist dazu Körperverletzung an Säuglingen(Judentum) oder kleinen Kindern(Muslime)nötig?

    Die kleinen Mädchen in beiden Religionsgemeinschaften werden in einer GEWALTLOSEN ,UNBLUTIGEN,KINDGERECHTEN Zeremonie in die Religionsgemeinschaft aufgenommen und danach religiös erzogen. Wessen Religgionsausübungs-und Erziehungsrechte werden denn eingeschränkt,wenn das ab jetzt auch bei kleinen Jungs so gemacht wird? Niemandes Rechte! Bei Beschneidung von kleinen Jungs-die also wie nachgewiesen für die Ausübung der Religion und die religiöse Erziehung der kleinen Kinder GAR NICHT NÖTIG IST ( denn bei Mädchen wird ja gewaltfrei die Aufnahme zelebriert,wieso bei Jungs nicht) - wird hingegen Körperverletzung begangen und die kleinen Jungs werden gegenüber den kleinen Mäddchen benachteiligt ( Verstoß gegen Geschlechtergleichbehandlung GG ff.).

    Herr Geis -und andere ,viele andere- irren gewaltig, wenn sie ein etwaiges Verbot der Beschneidung für kleine Jungs als Einschränkung irgendwelcher Religionsrechte und Elternrechte darstellen.

  • Auszug aus dem Artikel:
    "Nach Ansicht des CSU-Rechtspolitikers Norbert Geis müssen Beschneidungen aus religiösen Gründen in Deutschland weiterhin möglich bleiben. ... Das Wohl des Kindes dürfe nicht auf körperliche Unversehrtheit reduziert werden."


    MAN GLAUBT ES LANGSAM NICHT MEHR!


    Zu der Verletzung des Menschenrechtes auf körperliche Unversehrtheit sagt CSU-Rechtspolitiker Norbert Geis: "NICHT SO WICHTIG!"???

    Kinder irgendwelchen uralten, SINNLOSEN Ritualen andienen, das hat Vorrang???


    Was hat das Herumschnippeln an den Geschlechtsteilen überhaupt mit Religion zu tun? Also mir kam noch nie der Gedanke, solch eine “Straf”tat an kleinen, wehrlosen Jungs vornehmen zu müssen.


    Die Beschneidung von Knaben/Jungen/Kindern durch Erwachsene ist eine Vergewaltigung. Wenn das Opfer dann bei seiner Volljährigkeit meint, diese Massnahme durchführen zu müssen, weil es meint Moslem oder Jude sein zu müssen (seltsame Voraussetzung), bitte! Das ist dann Freiheit. Aber doch nicht als Zwangsmassnahme bei Knaben!


    Beschneidungen sind einfach abscheulich, sie sind pervers. Wie kann ein geistig gesunder Mensch auf die Idee kommen, an den Genitalien von Knaben herumzuschneiden?


    (Dass die Katholiken Bescheidungen an Knaben akzeptabel finden, wundert micht nicht mehr, die haben echt eine Problem ...)


    Die Natur hat sich dabei schon etwas "gedacht". Solch ein Eingriff hat auch bei Jungen (negative) Folgen, wie in anderen Foren schon von Betroffenen zu lesen war, nur weil er nicht so schwerwiegend ist wie bei Mädchen ist er doch bei Knaben nicht ok!


    Es gilt, diesen Teufelkreis der Beschneidungen zu durchbrechen. Das Kölner Landgericht war mutig, vielen Dank dafür!


    (Und warum eigentlich wird diese groteske Tradition der Beschneidung von Knaben nicht beendet? Vielleicht weil sich dann alle Beschnittenen, Moslems wie Juden, nicht mehr als unversehrt wahrnehmen könnten? Ein Teufelkreis ...)

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