Nach Vorwürfen von Berliner CDU-Politikerin
Ruf nach Verhaltenskodex gegen Sexismus

Der offene Brief der Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends, in dem sie Sexismus in ihrer Partei beklagt, hat für zahlreiche Reaktionen gesorgt. Politiker plädieren nun für eine breite Debatte. Die Linke bringt einen Verhaltenskodex ins Spiel.

BerlinDie Sexismus-Debatte in der Berliner CDU schlägt immer höhere Wellen und erreicht auch die Bundespolitik. SPD und Linke fordern Konsequenzen. Derweil werden neue Gerüchte um die Auslöserin der Diskussion gestreut.

Mit einem offenen Brief über Sexismus und Verleumdung in der Berliner CDU hat Jung-Politikerin Jenna Behrends eine neue Debatte über Sexismus in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft angestoßen. Aus der eigenen Partei erhält das vermeintliche Opfer aber nun Gegenwind. In einer öffentlichen Erklärung prangern einige Mitglieder an, dass Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit auf der Strecke zu bleiben drohen. Den Mikrokosmos Berlin hat das Thema inzwischen längst verlassen und die Bundespolitik erreicht.

SPD-Vizechef Ralf Stegner fordert eine umfassende Auseinandersetzung mit sexistischem Verhalten in Politik und Gesellschaft. „Sexismus und Chauvinismus sind ein gesamtgesellschaftliches Problem, das in unterschiedlichem Maße auch in Parteien auftauchen kann. Das muss offen benannt werden“, sagte Stegner dem Handelsblatt. Nur so könne das Problem auch angegangen werden. „Dabei hilft eine breite gesellschaftliche Debatte, wie bereits #aufschrei sie angestoßen hatte.“

Unter dem Hashtag #aufschrei hatten vor drei Jahren Menschen auf Twitter begonnen, ihre persönliche Erfahrungen mit Sexismus im Alltag niederzuschreiben. Auslöser war damals ein Artikel in der Illustrierten „Stern“ über den FDP-Politiker Rainer Brüderle. Die „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich hatte Brüderle seinerzeit wegen einer anzüglichen Bemerkung Sexismus vorgeworfen.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) verurteilt Sexismus im Alltag und am Arbeitsplatz. Sexistische Sprüche und sogenannte Herrenwitze seien „nicht nur altmodisch, sondern völlig inakzeptabel“, sagte Schwesig. „Es ist gut und mutig, wenn Frauen das offen ansprechen.“

Auch aus der Opposition kommen inzwischen Forderungen nach Konsequenzen aus der Debatte. Die Vize-Chefin der Linkspartei, Caren Lay, bringt einen Verhaltenskodex ins Spiel. „Ein Leitfaden kann Unbelehrbaren helfen, sich in einer gleichberechtigten Gesellschaft zurechtzufinden“, sagte Lay dem Handelsblatt. Sexismus sei eine leider immer noch existierende „Waffe der Männer im Kampf um Posten, Macht und Einfluss, gegen die nur eine Strategie in Frage kommt: Null Toleranz“. Die „sicherste Bank gegen Sexismus“ sei und bleibe jedoch die Quote, so Lay.

In Berlin wird derweil die Glaubwürdigkeit der jungen Anklägerin Behrends in Frage gestellt. Ausgerechnet Sandra Cegla, Vorsitzende der Frauen-Union in Berlin-Mitte, wird Behrends vor, sie habe eine „zweifelhafte Persönlichkeit" und verbreite Unwahrheiten. Die Gerüchte habe sie selbst entstehen gelassen. Bei einer Klausur-Tagung im April habe Behrends ihr gesagt, sie habe ein Verhältnis mit Generalsekretär Peter Tauber gehabt.

Der dementiert das angebliche Verhältnis gegenüber der „Bild am Sonntag“. Zwar habe er Behrends kennengelernt und auch mit ihr geflirtet, schnell sei aber klar gewesen, dass es „rein freundschaftlich bleibt.“ Die Debatte in seiner Partei begrüßt Tauber nach eigener Aussage. Immer wieder bekomme er ähnliche Geschichten geschildert, aber ohne Nennung von Namen sei es schwierig, etwas dagegen zu tun.

Auch personelle Konsequenzen hat die Diskussion um Behrends‘ Sexismus-Vorwürfe bereits. Eine Vorstandskollegin der Vorsitzenden Cegla in der Frauen-Union Berlin-Mitte, Anja Pfeffermann, legte ihr Amt nieder. Ceglas Verhalten sei „einer Frauen-Union-Vorsitzenden unwürdig“ schrieb sie auf ihrer Facebook-Seite. „Ich möchte dieses Vorgehen nicht weiter mittragen.“ Ihre Loyalität zum Vorstand habe immensen Schaden genommen.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik
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AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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