Nachgefragt: Birgit Breuel
„Wir haben eine Menge erreicht“

Birgit Breuel war zwischen 1991 und Ende 1994 Präsidentin der Treuhandanstalt. Im Interview erklärt sie, warum sie die Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West für eine illusion hält und wo sie den Osten in zehn Jahren sieht.

Handelsblatt: Frau Breuel, hat die Privatisierungspolitik der Treuhand zum Niedergang der Industrie in Ostdeutschland beigetragen?

Birgit Breuel: Für den Niedergang ist die SED verantwortlich, deren wirtschaftliches Erbe die Treuhand aufarbeiten musste. Die Industrie in der ehemaligen DDR war in einem katastrophalen Zustand. Wir haben nach Kräften versucht zu retten, was zu retten war, und dabei eine Menge erreicht.

Viele Ostdeutsche werfen der Treuhand den Ausverkauf der Ost-Wirtschaft vor. Die verbliebenen Industriebetriebe sind fast ausnahmslos Töchter von Westkonzernen.

Leider konnte es keine ostdeutschen Käufer für die großen Betriebe geben. Aber wirtschaftlich kommt es doch nicht darauf an, wer Eigentümer ist, sondern wo investiert wird. Immerhin hat die Treuhand etwa 25 000 kleine Unternehmen wie Einzelhändler, Gaststätten und Apotheken praktisch nur an Ostdeutsche privatisiert. Auch haben wir etwa 3 000 Management-Buy-outs gemacht. Die Leute hatten weder das Kapital noch das Know-how. Beides mussten wir ihnen mitgeben.

Warum haben so wenige Management-Buy-outs überlebt?

Ich weiß nicht, woher Ihre Erkenntnisse rühren. Es ist ein Wunder, dass überhaupt so vieles überlebt hat. Die Produktionsanlagen waren veraltet, es gab keine wettbewerbsfähigen Produkte, kein Rechnungswesen, kein Marketing. Die Behauptung, von der ostdeutschen Industrie sei nichts übrig geblieben, tut den Ostdeutschen unrecht. Die industrielle Produktion wächst schneller als im Westen, wenn man von der Bauwirtschaft absieht.

Was würden Sie heute als Treuhand-Chefin anders machen?

Im Prinzip nichts. Viele sagen, die Treuhand habe zu schnell privatisiert. Aber wir mussten schon deshalb schnell sein, damit die Investoren nicht gleich nach Ungarn oder Polen gehen. Und noch etwas: Hätten wir 14 000 Firmen selber betreuen sollen? Wenn der Käufer solide war, dann war die Privatisierung unser bestes Angebot. Denn sie brachte Management-Kompetenz, Märkte und Produkte.

Nicht alle Käufer waren solide.

Es gab kriminelle Energie, wie immer in Umbruchzeiten.

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