NACHGEFRAGT: HERMANN-JOSEF ARENTZ
„Wir brauchen eine starke IG Metall“

Ist die Führungskrise in der IG Metall am Ende nicht doch nur ein Streit um die Macht von Personen?

Nein. Die Gewerkschaft befindet sich in einem erschreckenden Prozess der Selbstzerstörung. Die tiefere Ursache des Konflikts zwischen Zwickel und Peters liegt in der nicht ausdiskutierten Frage, ob die IG Metall sich modernisieren oder in den alten Schützengräben verharren will, bis die Zeit über sie hinweggegangen ist. Das ist der Kern. Der Konflikt, den wir jetzt erleben, ist nur ein Symptom.

Hat die Niederlage Peters beim Streik um die 35-Stunden-Woche die IG Metall dauerhaft geschwächt?

Nicht nur die IG Metall, die ganze Gewerkschaftsbewegung hat durch dieses widersinnige Projekt an Ansehen und Schlagkraft verloren. Die IG Metall hat der Sache der Gewerkschaften in den vergangenen Wochen mehr geschadet, als alle Westerwelles der Welt es vermocht hätten. Und das ist eine Tragödie nicht nur für eine wirksame Arbeitnehmervertretung in diesem Land, sondern für die gesamte Gesellschaft. Daher gibt es meiner Meinung nach auch für die CDU keinen Grund zur Schadenfreude.

Gibt es einen Ausweg?

Die IG Metall muss nun die seit Jahren versäumte inhaltliche Richtungsentscheidung endlich treffen. Die Suche nach neuen Personen oder dem unbekannten Retter, wie sie jetzt eingeleitet werden soll, hilft nicht weiter. Ich gehöre zu denen in der Union, die starke Gewerkschaften wollen. Doch starre Organisationen werden am Ende schwach. Das erlebt die IG Metall gerade.

Was fordern Sie?

Die IG Metall braucht eine flexiblere Tarifpolitik, sie muss den Betrieben mehr Handlungsspielräume eröffnen, wie dies der Bezirksleiter von Baden-Württemberg, Berthold Huber, tun will. Dass er seine Kandidatur für den Vorstand zurückgezogen hat, ist eine Katastrophe für die Organisation. Sie muss initiativ werden beim Umgestaltungsprozess der sozialen Sicherung, statt defensiv abzuwarten. Solange die IG Metall im Gepäckwagen des Reformzuges hocken bleibt, mag sie den Prozess durch den Tritt auf die Bremse verlangsamen können, aufhalten kann sie ihn nicht. Und sie muss ihr Organisationsprinzip von Über- und Unterordnung überdenken und ernster auf das eingehen, was an der betrieblichen Basis gedacht und längst auch gegen ihren Willen gemacht wird. Hätte sie das in Ostdeutschland getan, hätte es die Forderung nach der 35-Stunden-Woche nie gegeben.

Gibt es in der IG Metall überhaupt jemanden, der den Karren aus dem Dreck ziehen kann?

Ich hoffe das sehr, aber aus diesen Personalfragen sollte sich die Politik heraushalten.

Aber muss es nicht politische Konsequenzen geben, wie sie die FDP und auch Teile Ihrer Partei seit langem fordern. Brauchen wir nicht endlich eine gesetzliche Lockerung des Tarifkartells?

Wer diese Krise nutzen will, die Gewerkschaften politisch kurz und klein zu schlagen, muss mit unserem Widerstand rechnen. Wir brauchen starke und handlungsfähige Gewerkschaften. Besser als gesetzliche Öffnungsklauseln für Abweichungen von den Tarifverträgen auf betrieblicher Ebene sind Öffnungsklausen, die die Tarifparteien selbst vereinbaren. Das sollten allerdings alle Gewerkschaften tun. Die Aufgabe der Regelung der Arbeitsbeziehungen hat der Staat mit gutem Grund an die Tarifparteien delegiert. Sie haben das Know How und die Möglichkeit. Sie sollten es aber auch tun.

Die Fragen stellte Peter Thelen

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