Nachgefragt: Jürgen Peters
„Die IG Metall braucht keine Nachhilfe“

IG-Metall-Chef Jürgen Peters kündigt eine harte Lohnrunde an. Er sieht keinen Grund zur Bescheidenheit in der bevorstehenden Lohnrunde für die bundesweit 3,5 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie.

Handelsblatt: Herr Peters, hatte der Kanzler beim Treffen mit Ihnen und Ihren Kollegen am Montag für die Anliegen der Gewerkschaften ein offenes Ohr?

Jürgen Peters: Schwer zu sagen. Ein offenes Ohr hatte er in jedem Fall – die Frage ist nur, ob er es nicht auch zur anderen Seite hin geöffnet hatte. Ich glaube aber schon, dass er bemüht war, unsere Argumente zu verstehen. Aber daraus abzuleiten, der Kanzler habe für unsere Anliegen ein offenes Ohr, das kann man sicher noch nicht.

Haben Sie die Aussagen des Kanzlers zur Tarifautonomie beruhigt?

Das kann die Gewerkschaften nicht beruhigen. Die Opposition wird, wenn es im Bundesrat um ihre Zustimmung zur Agenda 2010 geht, das Thema gesetzlicher Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen auf die Hörner nehmen. Der Kanzler muss im Politikgeschäft Mehrheiten organisieren. Kann sein, dass er deshalb bei diesem Thema Federn lassen muss. Wobei ich mal dahingestellt lasse, wie sehr er dabei ein Getriebener ist und ob er nicht auch aus eigenem Antrieb handelt. Für uns Gewerkschaften geht eine gesetzliche Regelung klar an der Sache vorbei. In der Metallindustrie gibt es längst Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen. Es gibt den Beschäftigungssicherungstarifvertrag, wonach die Betriebsparteien befristet die Arbeitszeit absenken können. Sie brauchen dazu nicht einmal die Genehmigung der IG Metall.

Muss die IG Metall auf die „Angriffe“ der Union nicht auch tarifpolitisch reagieren?

Wir haben auf diesem Feld doch keinen Stillstand. Wir schließen kontinuierlich vielfältige, neue Tarifverträge. Ich darf nur an die Einführung völlig neuer, einheitlicher Entgeltstrukturen für Arbeiter und Angestellte erinnern – ein tarifpolitisches Jahrhundertwerk. Die IG Metall braucht hier keine Nachhilfe. Natürlich diskutieren wir auch über neue Ansätze hin zu mehr Arbeitszeitflexibilität. Das reicht bis zu der Überlegung, die Dauer der Arbeitszeit stärker nach Berufs- und Einkommensgruppen zu differenzieren.

Die nächste Lohnrunde steht vor der Tür. Werden Sie den vor zwei Jahren zurückgestellten Ansatz eines differenzierten, „zweistufigen“ Tarifvertrags mit betrieblicher Komponente wieder aufgreifen?

Die IG Metall hat darüber debattiert, ob es neben der allgemeinen Tarifrunde eine weitere Tarifbewegung betrieblicher Art geben soll. Das hat sich aber insoweit relativiert, als auch die Kollegen in BadenWürttemberg diese Frage nun ein wenig zurückhaltender betrachten. Ich will festhalten: Wir haben grundsätzlich nichts gegen Elemente ertragsabhängiger Bezahlung – soweit es sich dabei um Komponenten oben drauf handelt. Die Sympathien in der IG Metall, dies in einem Tarifvertrag zu systematisieren, sind aber unterschiedlich ausgeprägt.

Welchen Einfluss wird der gescheiterte Tarifkonflikt im Osten auf die Tarifforderung für die bevorstehende Lohnrunde haben?

Ich glaube nicht, dass sich die Kollegen sehr nachhaltig von dem Tarifkonflikt beeinflussen lassen. Schon gar nicht, dass sie darin Anlass für besondere Zurückhaltung sehen.

Muss die IG Metall nicht aufpassen, dass sie mit einer hohen Forderung Union und FDP bei der Debatte um gesetzliche Öffnungsklauseln in die Hände spielt?

Wenn CDU/CSU niedrigere Löhne wollen, dann werden wir ihnen noch lange nicht folgen. Wir werden keine Lohnzurückhaltung predigen, nur damit die Union von ihrem Ziel ablässt, die Tarifautonomie zu beschädigen.

Die Fragen stellten Dietrich Creutzburg und Helmut Hauschild

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%