Nachgefragt: Martin Hüfner
Hüfner: „Märkte sind keine gute Messlatte“

Martin Hüfner, Chefsvolkwirt der Hypo-Verensbank mit Sitz in München kann der Stabilitätspakt-Aufweichung nichts Positives abgewinnen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt verrät der Experte warum.

Handelsblatt: Herr Hüfner, auch mit der Aussicht auf einen gelockerten Stabilitätspakt zeigt sich der Euro stark und sind die Kapitalmarktzinsen in Europa sehr niedrig. Ist die Aufweichung harmlos?

Hüfner: Auf keinen Fall. Die Finanzmärkte zeigen uns ein falsches Signal, sie sind derzeit falsch programmiert.

Woran liegt das?

Nun, die Kapitalmarktrenditen sind so niedrig, weil der Markt mit Liquidität überschwemmt ist. Auch in Japan kann man schön sehen, wie sich die negativen Effekte der hohen Verschuldung überdecken lassen, indem man den Markt mit Liquidität überschwemmt.

Und der Devisenmarkt?

Am Devisenmarkt dominiert die Dollarschwäche, die aus den hohen Defiziten der Leistungsbilanz und des Staatshaushalts in den USA herrührt.

Das heißt, in anderen, normaleren Zeiten würden die Zinsen steigen und würde der Euro fallen.

Davon bin ich überzeugt.

Muss die Europäische Zentralbank jetzt die Zinsen anheben?

Das wäre eine Trotzreaktion. Aber wenn die Finanzminister der Europäischen Union die Brüsseler Einigung als Freibrief auffassen und die Defizite steigen, dann muss die EZB die Leitzinsen stärker anheben, um Preisstabilität zu sichern.

Rechnen Sie damit, dass die Defizite steigen werden?

Noch kann man hoffen, dass die Finanzminister ihrer gewachsenen Verantwortung gerecht werden. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass Herr Eichel seinen „Sieg“ noch bedauern wird. Er hat jetzt gegenüber dem Parlament ein Argument weniger, um Begehrlichkeiten abzuwehren und eine sparsame Haushaltsführung durchzusetzen.

Könnte wenigstens die Konjunktur besser in Schwung kommen, wenn die Finanzminister weniger restriktiv sind?

Nein, ich kann der Pakt-Aufweichung nichts Positives abgewinnen. Wir haben nicht die finanzpolitischen Spielräume, damit ein keynesianisches „deficit spending“ zur Konjunkturankurbelung funktionieren könnte. Wenn der Staat mehr ausgibt, ist davon auszugehen, dass die Bürger sofort durchschauen, dass dies höhere Steuern in Zukunft bedeutet und ihre Ausgaben deshalb schon heute entsprechend einschränken.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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