Nachgefragt: Martin Kannegießer
„Spielraum für Betriebe schaffen“

Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, über die Krise der Branche und mögliche Wege aus dieser Krise.

Handelsblatt: Die IG Metall steuert auf eine Tarifforderung um 4 % zu. Das wäre ein Drittel weniger als beim letzten Mal. Müssen Sie nicht einräumen, dass die IG Metall die ökonomischen Realitäten anerkennt?

Martin Kannegiesser: Die Realität ist leider, dass die Metall- und Elektroindustrie im dritten Jahr in einer Krise steckt, die sich durchaus mit der Anfang der 90er- Jahre vergleichen lässt. Eine solche Forderung würde bei den Arbeitnehmern Erwartungen wecken, die schlicht unerfüllbar sind. Allein seit der Tarifrunde 2002 haben wir über 100 000 Arbeitsplätze verloren. Wer in dieser Lage als einigermaßen realitätsbewusst gelten will, darf nicht einmal daran denken, mit der Tarifrunde 2004 den vollen Produktivitätsfortschritt auszuschöpfen ...

... den die IG Metall mit 2 bis 2,5 % beziffert ...

... und was viel zu optimistisch ist, denn die Forschungsinstitute rechnen mit nur 1,4 %. Außerdem haben wir uns ja gemeinsam schon verpflichtet, diesmal ein Tarifvolumen von 1,39 % allein für die Umsetzung unserer Entgeltstrukturreform bereitzustellen. Ich weiß gar nicht, wie da noch irgendetwas obendrauf kommen soll.

Natürlich ist Ihnen jede Forderung zu hoch. Hat die IG Metall irgendeine Chance, Ihr Urteil zu mildern?

Wenn es ihr wirklich ernst ist, in dieser Tarifrunde etwas für die Beschäftigung zu tun, dann durchaus. Wir können uns nicht einfach hinsetzen und eine reine Geldrunde nach alter Väter Sitte machen. Wir müssen jetzt ganz konkret die betrieblichen Gestaltungsspielräume in den Tarifverträgen ein Stück erweitern. Und dabei denke ich besonders an die Arbeitszeit. Hinsichtlich der Arbeitszeit-Verteilung bieten unsere Tarifverträge zwar schon eine enorme Anpassungsfähigkeit. Für die Dauer der Arbeitszeit gilt das aber nicht. Hier brauchen wir mehr Spielraum – und zwar vor allem nach oben.

Und wie wollen Sie das der IG Metall vermitteln?

Leider entsteht zurzeit leicht der Eindruck, wir wollten mit der Gunst des politischen Meinungsklimas einfach alles abräumen, was den Beschäftigten wichtig ist. Darum geht es nicht. Es geht allerdings darum, dass Betriebe im Bedarfsfall ihre Produktionskosten senken können – ohne dass dies zu Lohneinbußen für die Beschäftigten führen muss.

Also bereiten Sie den Abschied von der 35-Stunden-Woche vor?

Das ist nicht der Punkt. Die 35-Stunden-Woche soll eine Bezugsgröße bleiben – aber eben für Abweichungen in beide Richtungen. Und bisher haben wir nur eine halbwegs praktikable Option nach unten. Sie können es auch so wenden: Wir brauchen einen tariflichen Rahmen für das, was in vielen betrieblichen Bündnissen längst praktiziert wird.

Die Chemie-Industrie hat schon einen viel gepriesenen Zeitkorridor. Ist das für Sie ein Muster?

Ein solches Modell müsste eigentlich zum Standardrepertoire einer modernen Tarifpolitik gehören ...

... der Chemie-Tarif sieht aber höhere Löhne bei längerer Arbeitszeit vor. Wo sinken da die Kosten?

Im Prinzip hilft fast jede zusätzliche Gestaltungsoption, die Fixkosten im Unternehmen zu senken. Ich kann mir aber weitere Varianten vorstellen: So wie es kürzere Arbeitszeiten mal ohne Lohnausgleich gibt und mal mit teilweisem oder gar vollem Lohnausgleich, so könnte zum Beispiel die Bezahlung bei einer Arbeitszeitverlängerung auch entweder in vollem Umfang, unterproportional oder gar nicht angehoben werden. Oder man setzt an die Stelle des Lohnausgleichs betriebliche Prämien- oder Gewinnbeteiligungsmodelle. All das sollte innerhalb eines klar definierten tarifvertraglichen Rahmens in den Betrieben entschieden werden können.

Glauben Sie wirklich, dass sich die IG Metall dafür gewinnen lässt?

Das ist für sie natürlich eine ungemein schwierige Integrationsaufgabe. Sie wird sagen, das setze beim Tarifniveau eine Spirale nach unten in Gang. Aber darüber muss man offen reden, und ich will alles tun, um der IG Metall die Angst vor einer Abwärtsspirale zu nehmen. Aber wenn wir die Aufgabe liegen lassen, nimmt man sie uns aus der Hand. Dann suchen die Betriebe eigene Wege außerhalb der Tarifbindung.

Die IG Metall erwägt eher, den Flächentarif für eine „zweistufige Tarifpolitik“ zu öffnen – mit einem Lohnelement, das auf Betriebsebene vereinbart wird. Warum gehen Sie darauf nicht ein?

Auch diese Idee folgt der richtigen Logik. Der Haken ist nur: Wenn wir eine echte „zweite Lohnfront“ in den Betrieben eröffnen, wäre es mit der Frieden stiftenden Funktion des Flächentarifs vorbei. Wir denken hier eher daran, im Tarifvertrag einige klar definierte Optionen anzubieten, die dann auf betrieblicher Ebene zwar ausgewählt, aber nicht im Detail verhandelt werden müssten. Die Überlegungen sind aber noch nicht abgeschlossen.

Sie warnen die IG Metall davor, in den eigenen Reihen falsche Erwartungen zu schüren. Haben Sie mit den Wirtschaftsverbänden nicht ein ganz ähnliches Problem?

Ich kann mir gerade jetzt nur von allen Beteiligten wünschen, dass sie nicht zu sehr versuchen, mit bloßen Schlagzeilen Politik zu machen. Viele Wirtschaftsverbände agieren da in einer hervorragenden Weise, die auch für die Beschäftigten nachvollziehbar ist. Es gab aber in der Tat auch in der Debatte um längere Arbeitszeiten einige Zuspitzungen und Plattitüden. Die sind ähnlich hilfreich wie wenn die Gewerkschaften so tun, als könne man Arbeit umverteilen wie Apfelmus.

Die Fragen stellte Dietrich Creutzburg, Handelsblatt.

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