Nachgefragt: Michael Wolffsohn
Wolffsohn: „Bürgerarmee ist auf dem Rückzug“

Die Bundeswehr wird immer mehr zu einer „Armee im Einsatz“. Das Handelsblatt sprach mit Michael Woffsohn, Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München, über langfristige Ziele und Perspektiven der Bundeswehr.

Herr Wolffsohn, die Wiederbewaffnung Deutschlands 1955 war heftig umstritten – aus heutiger Perspektive aber doch richtig?

Wolffsohn: Es gab keine Alternative. Das war für die Sicherheit Deutschlands und der gesamten westlichen Welt gefordert. Ohne Koreakrieg und den Kalten Krieg wäre es nicht dazu gekommen, aber so hat man sich den strategischen Notwendigkeiten gefügt. Was aber der damalige Bundeskanzler Adenauer auf dem Weg zu deutscher Souveränität auch wollte.

Der Rückgriff auf Soldaten der Wehrmacht war auch richtig?

Auch da gab es keine Alternative. Doch jeder einzelne ehemalige Wehrmachtssoldat wurde einzeln geprüft. Insofern war die Bundeswehr von Anfang an eine Armee mit zwei Grundpfeilern: erstens die Tradition des 20. Juli, also des Widerstands gegen die nationalsozialistische Terrordiktatur, zweitens die militärisch-politischen Reformen der preußischen Ära. Das ist mit großem Erfolg konzipiert worden – Stichwort Bürger in Uniform. Das Image der Bundeswehr ist gut. International ist die Armee diesbezüglich mustergültig.

Welche Veränderungen waren notwendig, um der Bundeswehr zu diesem Ansehen zu verhelfen?

Die Bundeswehr ist genauso gelenkt worden wie die Bundesrepublik insgesamt: hin zu einer demokratischen Armee in einer demokratischen Gesellschaft. Die Bürgerarmee ist aber auf dem Rückzug: Wir haben heute keine Armee mehr, die ein Spiegelbild der gesamten Gesellschaft ist. Auch der kritisch-loyale Geist ist in den vergangenen Jahren ein wenig verloren gegangen.

Was läuft schief?

Bei den Auslandseinsätzen muss stärker die Frage nach dem langfristigen Ziel gestellt werden. Jenseits von Phrasen werden die politischen Vorgaben nicht klar genug definiert. Nationbuilding wie im Kosovo, in Afghanistan, aber auch im Irak – dafür ist keine Armee der Welt geeignet. Wer der Bevölkerung einredet, dass mit Hilfe der Bundeswehr ein politischer Aufbau möglich ist, der macht sich und anderen etwas vor.

Fehlt die Debatte darüber, was die Armee leisten soll?

Natürlich. Wir konnten in den vergangenen 50 Jahren ein sicherheitspolitisches Entwicklungsland sein, wohl behütet von der Nato und besonders den USA. Diese schönen Zeiten sind vorbei, doch für die härteren wurden noch nicht die richtigen Fragen gestellt. Die Bundeswehr ist heute eine Armee, die nach den jeweiligen Kampfhandlungen eingesetzt wird. Das ist ganz bequem, auf Dauer aber nicht aufrechtzuerhalten. Wenn man wie die Bundesrepublik politisch Verantwortung übernehmen will – Stichwort Sicherheitsrat – dann muss man auch militärisch intervenieren wollen und können. In Deutschland ist jedoch auch die Frage nach dem Ziel der Einsätze nicht zu Ende gedacht.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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