Nachgefragt
Trittin: "Atomenergie ist auf Talfahrt"

Das Handelsblatt spricht mit Bundesumweltminister Jürgen Trittin über den Sinn eines deutschen Atomausstiegs.

Handelsblatt: Herr Trittin, niedrige Energiekosten sind gut für das Wachstum. Wäre es nicht gesamtstaatlich gesehen attraktiv, die abgeschriebenen Kernkraftwerke laufen zu lassen?

Trittin: Billig ist nicht immer preiswert. Was sich kurzfristig lohnt, kann langfristig fatal sein – etwa wenn die notwendige Erneuerung unseres Kraftwerkparks auf die lange Bank geschoben würde. Die neuen, modernen Kraftwerke, die benötigt werden, können mit alten abgeschriebenen Anlagen nicht konkurrieren – egal ob es sich um AKWs oder alte Braunkohlemöhren handelt. Wir haben mit dem Atomausstieg, dem Emissionshandel und dem Energiewirtschaftsgesetz klare und verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen gesetzt. Die Folge: In Deutschland werden 19 Mrd. Euro in die Modernisierung der Energieversorgung investiert. Wer wie die CDU die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängern will, der gefährdet Arbeitsplätze, Investitionen und Wachstum.

Was passiert mit der Stromversorgung, wenn Russland aus politischen Gründen einmal kein Gas mehr liefern sollte?

Auch Uran wächst nicht im deutschen Wald. Wir brauchen einen diversifizierten Energiemix, um einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden. Russland ist eine bedeutsame, aber nicht die einzige Erdgasquelle. In Anbetracht der sich gut entwickelnden wirtschaftlichen und politischen Beziehungen mit Russland habe ich keinen Grund, an der Zuverlässigkeit künftiger Erdgaslieferungen zu zweifeln.

Wo liegt der Sinn eines Atomausstiegs, wenn China und Indien gerade einsteigen?

Der Blick auf die nackten Zahlen belegt die Talfahrt der Atomenergie. Die Zahl der weltweit im Bau befindlichen Atomreaktoren sinkt kontinuierlich. In Europa ist seit 22 Jahren ein einziges neues Atomkraftwerk bestellt worden – das wird jetzt in Finnland gebaut, finanziert mit Abnahmegarantien zu vergleichsweise hohen Preisen. Und was China betrifft: Ankündigungen dort, den Atompark bis 2020 zu verfünffachen, sind vor allem eins – unrealistisch. In China wachsen die erneuerbaren Energien um ein Vielfaches schneller als die Atomkraft. Bis 2010 entstehen dort 60 Gigawatt erneuerbare Kapazität.

Kann ein hoch industrialisiertes Land in großem Stil Energie einsparen, ohne das Wachstum zu belasten?

Ja. Wachstum und Verbrauch lassen sich entkoppeln. Was wir brauchen, sind die drei großen „E“: Energieeinsparung, Effizienz, erneuerbare Energien. Energieeffizienz ist Kosteneffizienz, erst recht bei steigenden Preisen. Gerade im Verbrauch und in der Umwandlung von Energie gibt es noch riesige Einsparpotentiale. Deshalb hat US-Notenbankchef Alan Greenspan – wahrlich kein Grüner – Ressourceneffizienz als den Schlüssel zur künftigen Wettbewerbsfähigkeit bezeichnet. Schon mit den heute verfügbaren technischen Lösungen könnte in Deutschland zum Beispiel der industrielle Energieeinsatz bis 2020 um 20 Prozent abgesenkt werden.

Die Fragen stellte F. Mayer-Kuckuk.

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