Nachgefragt: W. Schmähl
„Die Jungen vergessen: Sie altern selbst.“

Vier Fragen an Winfried Schmähl, Professor für Sozialpolitik in Bremen und Berater der Bundesregierung.

Junge Politiker wollen den Alten teure Sozialleistungen vorenthalten. Wie falsch ist die Idee?

So ein Denken ist auf die Gegenwart einer einzelnen Generation fixiert. Dabei vergessen die Jungen offensichtlich, dass sie selber einmal alt werden. Beim Thema Generationengerechtigkeit geht es aber um Fragen, die einen gesamten Lebensablauf betreffen. Ebenso sind Debatten verkürzt, wenn sie sich nur auf Einzelbereiche fixieren – mal auf das Gesundheitswesen, ein anderes Mal auf die Alterssicherung. Wenn wir über die Belastung von Generationen sprechen wollen, dann müssen wir das wirklich in einem breiteren Zusammenhang sehen.

Meinen Sie denn, es gebe gar keine Schieflage bei der Belastung der Generationen?

Das ist jedenfalls zunächst nur eine These, und es gibt dazu keine wirklich verlässliche Datenbasis. Auch die so genannten Generationenbilanzen, die neuerdings sehr beliebt sind, greifen zu kurz – sie erfassen meist nur öffentliche Abgaben und Leistungen. Dabei müssen wir auch die privaten Transfer- und Leistungsbeziehungen zwischen den Generationen beachten. Und die summieren sich ganz gewiss zu einem Netto- Transfer zu Gunsten der Jungen.

Die Alten verweisen auf ihre „rechtmäßig erworbenen Ansprüche“ an das Sozialsystem. Aber wie rechtmäßig kann ein Anspruch sein, der ökonomischen Gesetzen widerspricht?

Natürlich müssen unter veränderten ökonomischen Bedingungen auch erworbene Ansprüche anders bewertet werden. Und das findet ja durch Rentenreformen längst statt. Doch vergessen wird allzu leicht, dass früher für einen vergleichbaren Anspruch an das Rentensystem viel länger gearbeitet werden musste als heute. All das blendet die verkürzte Generationendebatte völlig aus.

In 20 Jahren wird eine Mehrheit der Wähler im Rentenalter sein. Ist damit nicht der offene Generationenkonflikt programmiert?

Entschuldigung, auch das ist mir zu einseitig. Sie unterstellen, dass sich die Alten nur für ihre Rente interessieren, während ihnen die Jungen egal sind. Wäre es so, dann hätten wir in der Tat eine düstere Zukunft. Ich bin aber sicher: Auch die Älteren denken an ihre Kinder und Enkelkinder, und sie sehen daher auch die gesamtgesellschaftlichen Aufgaben.

Die Fragen stellte Dietrich Creutzburg.

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