Nachhaltigkeitsfaktor ausgehebelt
Rente mit 67 schmälert Altersbezüge kaum

Die finanziellen Einbußen künftiger Ruheständler durch die „Rente mit 67“ sind möglicherweise deutlich geringer als befürchtet. Durch die Anhebung des gesetzlichen Rentenalters wird nämlich die Bremswirkung des Nachhaltigkeitsfaktors bei künftigen Rentenanpassungen teilweise ausgehebelt.

BERLIN. Unter bestimmten Voraussetzungen würden daher Arbeitnehmer, die in Zukunft weiter mit 65 Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden wollten, trotz drohender Abschläge „im Endeffekt keine niedrigere Rente erhalten als ohne die vorgesehene Erhöhung des Rentenzugangsalters auf 67 Jahre“, sagte der Kölner Wirtschaftswissenschaftler Eckart Bomsdorf dem Handelsblatt. Er widersprach ausdrücklich Kritikern vor allem in den Gewerkschaften, die in der „Rente mit 67“ eine reine Rentenkürzung sehen.

Bomsdorf kommt zu seiner überraschenden Prognose auf der Basis zahlreicher Modellrechnungen über die künftige Bevölkerungsentwicklung und des tatsächlichen Rentenzugangsalters bis zum Jahr 2050. In der mittleren Variante würde der bereits von der rot-grünen Regierung eingeführte Nachhaltigkeitsfaktor ohne Anhebung des Rentenalters den Zuwachs der gesetzlichen Altersbezüge langfristig um 14,7 Prozent dämpfen. Mit Anhebung des Rentenalters würden die Einbußen für die Ruheständler nur 11,2 oder gar 7,7 Prozent betragen. Dafür müssten die Senioren allerdings zwei Jahre länger arbeiten.

„Diejenigen, die immer behaupten, die Rente mit 67 sei eine riesige Rentenkürzung, sind im Unrecht“, schlussfolgerte Bomsdorf. Das von ihm modellhaft demonstrierte Phänomen beruht auf der Konstruktion des Nachhaltigkeitsfaktors. Er kürzt den Rentenzuwachs in der Zukunft nicht um einen starren Wert, sondern berücksichtigt in einer komplizierten Formel das zahlenmäßige Verhältnis von Beitragszahlern und Rentnern. Wenn die Menschen länger arbeiten, verschiebt sich diese Relation zugunsten der Beitragszahler. Entsprechend schwächer wird der Rentenanstieg gebremst.

Das Phänomen hatte im März bereits der Sozialbeirat in seinem Gutachten zum Rentenversicherungsbericht 2005 kurz beschrieben. Langfristig verändere die „Rente mit 67“ das zahlenmäßige Verhältnis von Rentnern zu Erwerbstätigen, schrieben die Experten unter Leitung des Darmstädter Professors Bert Rürup: „Unter sonst gleichen Bedingungen erwächst über den Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenanpassungsformel eine höhere Rentenanpassung.“ Doch blieb diese Bemerkung in der politischen Diskussion bislang weitgehend unbeachtet. Mit seinen Modellrechnungen legt Bomsdorf nun im „Wirtschaftsdienst“ des HWWA erstmals Zahlen vor.

Der Kölner Wirtschaftswissenschaftler unterstellt in seiner mittleren Prognosevariante, dass die Geburtenrate langfristig bei 1,35 konstant bleibt und es einen jährlichen Saldo aus Zuwanderung von 150 000 Menschen geben wird. Je nachdem, ob das tatsächliche Rentenzugangsalter nur auf 63 Jahre oder gar auf 65 Jahre steigt, würden die Rentenzuwächse um 11,2 oder 7,7 Prozent beschnitten. Sollten die Ruheständler weiter mit 65 Jahren aufhören, drohen ihnen zudem Abschläge von 3,6 Prozent pro anno. Per Saldo würde die Rente im günstigen Fall durch den Nachhaltigkeitsfaktor und die Anhebung der Altersgrenze also um 14,9 Prozent beschnitten. Ohne die „Rente mit 67“ wären es 14,7 Prozent.

Keine Antwort gibt Bomsdorf freilich auf die Frage, ob durch die schwächere Wirkung des Nachhaltigkeitsfaktors auch die Beitragsziele der Bundesregierung gefährdet sind. Das Rentenalter soll von 2012 bis 2029 stufenweise steigen. Die Koalition will den Beitragssatz von derzeit 19,5 Prozent bis 2020 unter 20 und bis mindestens 2030 unter 22 Prozent halten.

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