Nato-Luftangriff
Staatsanwaltschaft prüft Ermittlungen

Bei dem von der Bundeswehr angefordertem Luftschlag gegen zwei Tanklaster in Afghanistan wurden offenbar zahlreiche Zivilisten getötet. Der Vorfall soll nicht nur von Nato und Uno untersucht werden, auch die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft nun ein Ermittlungsverfahren gegen den verantwortlichen deutschen Offizier. Scharfe Kritik kommt aus der EU.

HB KABUL/BERLIN. Nach dem folgenschweren Luftangriff im deutschen Einsatzgebiet in Nordafghanistan prüft die Staatsanwaltschaft Potsdam die ein Ermittlungsverfahren gegen den verantwortlichen deutschen Offizier. „Wir prüfen einen Anfangsverdacht wegen eines eventuellen Tötungsdeliktes“, sagte der Leitende Potsdamer Oberstaatsanwalt Heinrich Junker der Zeitung „Bild am Sonntag“ laut Vorabmeldung. Ob dies zur Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens führen werde, sei derzeit offen. In Potsdam hat das Einsatzführungskommando der Bundeswehr seinen Sitz, dem die Auslandseinsätze des deutschen Militärs unterstehen.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) wies den Vorwürf zurück, bei dem von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff auf die Taliban seien auch unschuldige Zivilisten getötet worden. „Nach allen mir zur Zeit vorliegenden Informationen sind bei dem durch ein US-Flugzeug durchgeführten Einsatz ausschließlich terroristische Taliban getötet worden“, sagte Jung der „Bild am Sonntag“. Bei einem nachträglichen Aufklärungseinsatz seien am Ort des nächtlichen Geschehens erneut deutsche Soldaten angegriffen worden, zudem seien verkohlte Waffen gefunden worden.

Damit wiedersprach er US-General Stanley McChrystal, der zivile Opfer bestätigte. Der Oberkommandierende der US- und Nato-Truppen in Afghanistan sprach am Samstag bei einer Pressekonferenz in Kundus von einem „ernsten Vorfall“, der zeigen werde, ob die Nato zu Transparenz bereit.

Zuvor hatte sich Jung schon vor die deutschen Soldaten gestellt, während seine europäischen Amtskollegen deutliche Kritik an dem Einsatz übten. Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sprach von einem „großen Fehler“. Jung verteidigte den Einsatz dagegen und verwies auf eine „sehr konkrete Gefahrenlage“. Nato und Vereinte Nationen haben inzwischen eine Untersuchung eingeleitet.

Die Taliban setzten derweil ihre Angriffe fort. Bei einem Sprengstoffanschlag wurden am Samstag drei deutsche Soldaten und ein afghanischer Dolmetscher verletzt. Das Einsatzführungskommando in Potsdam bestätigte den Zwischenfall, der sich am Samstag um 9.50 Uhr Ortszeit etwa fünf Kilometer nordöstlich von Kundus ereignet habe. Nach afghanischer Darstellung hatte sich ein Selbstmordattentäter mit seinem Auto in die Luft gesprengt. Schon am Freitag waren deutsche Soldaten, die die Umstände des Luftangriffs untersuchen sollen, unter Beschuss geraten. Dabei wurde niemand verletzt.

Der Kommandeur des Bundeswehr-Lagers im nordafghanischen Kundus, Oberst Georg Klein, hatte am Freitag beim Hauptquartier der internationalen Schutztruppe ISAF Luftunterstützung angefordert, nachdem die Taliban zwei Tanklastzüge entführt hatten. Bei dem Luftschlag kamen dutzende Menschen ums Leben. Die Bundeswehr spricht von mehr als 50 getöteten Aufständischen, während der afghanische Präsident Hamid Karsai in Kabul mitteilen ließ, es seien „rund 90 Menschen getötet oder verletzt“ worden.

Nach afghanischen Quellen sind unter ihnen auch Zivilisten. Dorfbewohnern sprachen am Samstag von über 100 Toten. Stammesälteste des Dorfes Omarchel sprachen sogar von bis zu 150 Zivilisten, die bei dem Luftschlag getötet worden seien. Ein Mitarbeiter der Deutschen Presse-Agentur dpa, der am Samstag zwei der Dörfer im Distrikt Char Darah besuchte, zählte dort 60 frische Gräber.

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