Negative Bilanz der Gesundheitsreform
Ärzte befürchten Versorgungskrise

Die deutschen Ärzte haben eine vernichtende Bilanz der Gesundheitsreform gezogen. Knapp eineinhalb Jahre nach dem Start bemängeln sie die weitere Bürokratisierung und warnen vor einer Krise in der medizinischen Versorgung. Gesundheitsministerin Schmidt wehrt sich gegen die Vorwürfe

BERLIN. „Wir erleben eine weitere Bürokratisierung des ärztlichen Alltags und eine Konzentration der Versorgungslandschaft“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, zu Beginn des 108. Deutschen Ärztetags in Berlin. Die Ärzteschaft wandte sich in einstimmig angenommenen Beschlüssen gegen zu starke Reglementierung bei Behandlungen, überbordende Bürokratie in den Praxen sowie die Verknappung bei der Versorgung unter anderem durch Wartelisten, Praxisgebühr und Zuzahlungen.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) betonte in ihrer mehrfach von spöttischem Gelächter, aber auch von Applaus unterbrochenen Rede vor de: „Es muss erlaubt sein, über den sinnvollen Einsatz auch der Ressourcen zu reden.“ Es sei „kein Widerspruch, ein guter Arzt zu sein und gleichzeitig wirtschaftlich zu handeln“. Schmidt versicherte: „Wir wollen keine von außen gesetzten Rationierungen.“

Mehrere der rund 250 Delegierte griffen Schmidt scharf an, warfen ihr Realitätsverlust vor und sagten, dass sie sich gegenüber der Rahmensetzung des Bundes ohnmächtig fühlten. Hoppe beklagte: „Schon lange kann nicht mehr jeder so behandelt werden, wie es nach den Regeln der ärztlichen Kunst geboten wäre.“

Der Bundesregierung hielt Hoppe die Schaffung gefährlich administrativer Behandlungsprozesse etwa durch Fallpauschalen in Krankenhäusern oder durch vorgeschriebene Behandlungskorridore in so genannten Disease-Management-Programmen vor. In der Ärzteschaft herrsche „Frust“.

Zum Vorwurf gewachsener Bürokratie sagte Schmidt an die Adresse von Ärzten und Kassen, die wenigen bürokratischen Auswüchse seien größtenteils „durch die Vertragsgestaltung in der Selbstverantwortung entstanden“. Die flächendeckende Versorgung auch sozial Schwacher müsse weiter sichergestellt werden. Hochleistungs-Medizin müsse dafür verstärkt in spezialisierten Zentren konzentriert werden.

Der Ärztetag unterstützte die Forderungen der Krankenhausärzte, die seit Wochenbeginn gegen zu lange Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung protestierten. Schmidt forderte Krankenhäuser und Kassen auf, flexible Arbeitszeiten in Kliniken zu ermöglichen und die Hierarchie in der Klinikärzteschaft abzubauen. Von 700 Mill. zugesagten Euro für die Förderung neuer Arbeitszeitmodelle in Kliniken habe der Bund bereits 200 Mill. ausgegeben.

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