Neonazis
Dresden wehrt sich gegen braunes Image

Der tödliche Angriff eines Russlanddeutschen auf eine Ägypterin im Dresdner Landgericht hat in der sächsischen Landeshauptstadt eine Debatte über Ausländerfeindlichkeit entfacht. Zugleich bewegt das Schicksal der Getöteten die Menschen in ihrem Heimatland auch zwei Wochen nach der Tat noch immer stark.

HB DRESDEN."Dresden - wache auf!", appelliert Universitätsprofessor Wolfgang Donsbach in einem Offenen Brief. Zwar hätten 2008 statistisch gesehen weniger als ein Promille aller Straftaten in der Stadt, die ihre Weltoffenheit stets betont, einen fremdenfeindlichen Hintergrund. Die Bilder des Verbrechens, die um die Welt gingen, fügten sich jedoch in ein bereits vorhandenes Urteil: "Dass man als ethnisch anders aussehender Mensch hier nicht sicher ist", schreibt Donsbach.

Bei einer Umfrage unter ausländischen TU-Studenten berichtete ein Drittel über "negative Erlebnisse" im Alltag - von Beschimpfungen bis zu Übergriffen, so Donsbach. Dabei bleibe Fremdenhass nicht auf Rechtsextremisten beschränkt, er sei in der Mitte der Gesellschaft angelangt.

"Dresden ist nicht ausländerfeindlich, es gibt sogar eine große Offenheit", hält die Ausländerbeauftragte Marita Schieferdecker-Adolph mit Verweis auf die Zahlen dagegen. Aber auch sie sieht Nachholbedarf - vor allem bei Aussiedlern. Zu ihnen gehörte auch der 28-Jährige, der vor zwei Wochen die 31-jährige schwangere Ägypterin im Gericht mit 18 Messerstichen tötete und ihren zu Hilfe eilenden Mann schwer verletzte. Die Frau hatte den Russlanddeutschen im vergangenen Jahr angezeigt, nachdem er sie auf einem Spielplatz als Islamistin beschimpft hatte.

Die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) begrüßte am Dienstag die Erklärung der Bundesregierung zu dem Fall. Ein Sprecher der Organisation, die ihren Sitz in der saudiarabischen Stadt Dschidda hat, erklärte, die Stellungnahme der deutschen Regierung sei "eine positive Entwicklung in dieser bedauerlichen Angelegenheit". Regierungssprecher Ulrich Wilhelm hatte am Montag gesagt, die Regierung verurteile "solche Taten, wo immer sie auftreten". In Deutschland sei kein Platz für Fremdenfeindlichkeit.

Nach der Ermordung der Ägypterin Marwa El-Sherbini bewegt ihr Schicksal die Menschen in ihrem Heimatland noch immer stark. Die Kairoer Tageszeitung "Al-Masry Al-Yom" berichtete am Dienstag, in einem Dorf der Provinz Al-Dakahilija im Nil-Delta hätten Muslime am Montag eine Trauerfeier für die Frau abgehalten, die in Ägypten wahlweise als "Märtyrerin des Kopftuches" oder "Märtyrerin des Terrorismus" bezeichnet wird. Die Trauergäste trugen Bilder des Opfers und Plakate mit der Aufschrift "Warum wurde Marwa getötet?".

Der Vater der Getöteten sagte der Zeitung: "Gott liebt meine Tochter, denn er hat sie zu einer Symbolfigur für das Kopftuch gemacht, in den Gesellschaften Europas und der islamischen Welt." Er fügte hinzu, ein französischer Anwalt habe ihm angeboten, die Familie bei dem Prozess in Deutschland unentgeltlich zu vertreten.

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